Allerheiligen ist für den Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart ein Feiertag im doppelten Sinne gewesen: Der 30:25-Sieg beim Vorjahresdritten Füchse Berlin war die große Überraschung des Spieltags. „Ich hatte und habe den absoluten Glauben an das Team“, sagt der Trainer Jürgen Schweikardt am Tag danach.

Gleich acht wichtige Spieler musste der Berliner Trainer Velimir Petkovic am Donnerstag ersetzen. Mit diesen Problemen haben die Füchse bereits seit Wochen zu kämpfen, immer wieder indes haben sie dem personellen Notstand getrotzt – bis der TVB 1898 Stuttgart in der Max-Schmeling-Halle auftauchte. In der Vergangenheit hatte sich das Team dort zwar oft ordentlich präsentiert, die Punkte blieben aber in der Hauptstadt.

Schweikardt: Es war ein Treffen auf Augenhöhe

Dieses Mal war die Konstellation vor dem eigentlich ungleichen Duell eine ganz Spezielle. Zum einen, weil der TVB mit dem 37:34-Sieg gegen den TSV Hannover-Burgdorf mächtig Selbstvertrauen gesammelt hatte. Zum anderen, weil er in bestmöglicher Formation an diesem Tag nicht schlechter besetzt war als der ansonsten an den Einzelspielern gemessen übermächtige Gegner. „Angesichts der Probleme der Berliner war’s vor dem Anpfiff ein Treffen auf Augenhöhe“, sagt der TVB-Trainer Jürgen Schweikardt am Tag nach dem zweiten Auswärtssieg in dieser Saison.

Sein Team sei darauf eingestellt gewesen, dass die Füchse noch kampfstärker auftreten würden, um ihre Nachteile wett zu machen. „Uns war klar, dass wir in diesem Bereich noch besser sein müssen. Dann könnte das Spiel für uns laufen.“

Berliner Geschäftsführer: „Stuttgart hat mit Herz und Leidenschaft gespielt“

Immer wieder hat Schweikardt in der Vergangenheit betont, dass seine Mannschaft über die Qualität verfüge, an einem guten Tag viele Mannschaften vor Probleme stellen zu können. Er habe, auch wenn die Ergebnisse nicht passten, immer an sein Team geglaubt. „Ich sehe jeden Tag, wie die Spieler arbeiteten. Ganz wichtig war, dass wir nicht von unserem Konzept abrücken, auch wenn’s mal nicht so läuft.“

Am Donnerstag erwischten die Stuttgarter einen jener Tage, an dem sie auch einem Schwergewicht der Liga die Stirn bieten können. Selten herrschte hernach so viel Einigkeit darüber, wer die Halle als verdienter Sieger verlassen hat. „Stuttgart hat mit Herz und Leidenschaft gespielt“, sagte der Berliner Geschäftsführer Bob Hanning nach der Partie.

Kein wurfgewaltiger Spieler bei den Füchsen

Der TVB hat die Defizite der Füchse clever ausgenützt. Die größte Baustelle der Hauptstädter war der Rückraum, es fehlte ein wurfgewaltiger Spieler. So hatte der Ober-Fuchs Velimir Petkovic vor dem Spiel folgende Forderung an seine Spieler gestellt: „Wir müssen nicht nur Handball spielen, sondern Schach. Wir müssen einen Gedanken weiter sein als der Gegenüber.“

Das funktionierte selten, weil der TVB meist die bessere Lösung parat hatte. Er agierte defensiv, die Füchse rieben sich an der starken TVB-Abwehr auf. Und dahinter entnervte Jogi Bitter in seinem 500. Bundesligaspiel die Berliner gleich reihenweise. Der Torhüter kommt nach seiner Verletzungspause immer besser in Fahrt – wie auch Michael Kraus. Insgesamt 29 Tore gelangen ihm in den jüngsten beiden Partien.

Genaue Diagnose bei Schimmelbauer steht noch aus

Die beiden Weltmeister waren zwei Garanten für den Überraschungssieg – aber nicht die einzigen. „Dominik Weiß war hinten wie vorne ganz stark“, sagt Schweikardt. „Auch Bobby Schagen hat das richtig klasse gemacht.“ Wie auch Lukas von Deschwanden, der nach Tobias Schimmelbauers verletzungsbedingtem Ausfall in der 15. Minute in der Deckung auf der Halbposition nichts anbrennen ließ. Die genaue Diagnose bei Schimmelbauer steht noch aus, vermutlich sind die Rippen geprellt. „Gebrochen ist zum Glück wohl nichts“, sagt Schweikardt.

Eine nahezu historische Leistung

Mit dem vierten Saisonsieg hat sich der TVB ein Polster von mindestens fünf Punkten auf die Abstiegsränge verschafft vor dem schweren Spiel gegen den Tabellenzweiten SC Magdeburg am Donnerstag (19 Uhr) in der Porsche-Arena. Und nebenbei hat der TVB eine nahezu historische Leistung vollbracht: Zwei Siege am Stück gelangen ihm zuletzt am drittletzten und vorletzten Spieltag der Saison 2016/2017.

Ist es also an der Zeit, sich nach oben zu orientieren in der Tabelle? „Wir genießen jetzt einen Tag unseren Sieg in Berlin“, so Schweikardt. An Prognosen beteilige er sich nicht. „Abgerechnet wird am Schluss.“

Quelle: Thomas Wagner, ZVW