„Wir müssen nicht auf andere schauen“

Nach dem Sieg in Gummersbach wähnte sich der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart am sicheren Ufer – etwas voreilig nach dem sonntäglichen Überraschungssieg des TV Hüttenberg in Melsungen. Sechs Spieltage vor Schluss hat der TVB sechs Punkte Polster. „Wir müssen nicht auf andere schauen“, sagt der TVB-Trainer Jürgen Schweikardt vor dem Spiel gegen den TBV Lemgo (Sonntag, 12.30 Uhr/ZVW-Liveticker).

Mit Entsetzen verfolgte – nicht nur – der TVB am Sonntag die Partie zwischen der MT Melsungen und dem TV Hüttenberg. Mit einem Sieg des Vorletzten, dem dritten erst in dieser Saison, beim favorisierten Tabellensiebten hatte kaum jemand gerechnet.

Der Aufsteiger schloss mit diesem Coup nicht nur nach Punkten zum Drittletzten TuS Nettelstedt-Lübbecke auf, sondern ließ das Acht-Punkte-Polster der Bittenfelder auf die Abstiegsränge auf sechs Zähler zusammenschmelzen.

„Es ist schade, dass sich Melsungen die Blöße gegeben hat“, sagt der TVB-Trainer und -Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. Dass sich die Hüttenberger im Abstiegskampf derart hartnäckig zeigen, überrascht ihn allerdings nicht.

Sein Team habe nach dem 30:30-Unentschieden gegen Hüttenberg einige Kritik einstecken müssen. „Die Hüttenberger haben sich weiterentwickelt und sind gefährlicher als manche andere Mannschaft.“ Wenn der Aufsteiger so weiterspiele, könne er noch einige Punkte holen in den verbleibenden sechs Partien.

Im Umkehrschluss bedeutet dies für den TVB, dass er sich im Abstiegskampf noch längst nicht zurücklehnen darf. Auch wenn die Form und die Serie von fünf Spielen ohne Niederlage für den TVB sprechen. „Wir haben uns in die Situation gebracht, dass wir nicht auf andere Mannschaften schauen müssen“, sagt Schweikardt. „Wenn wir unser Ding gut durchziehen, müssen wir uns auch keine Sorgen machen.“

Zu entspannt indes dürfen die Bittenfelder dem Saisonfinale nicht entgegenblicken. Sie sollten sich schleunigst die restlichen zum Ligaverbleib nötigen Punkte sichern. Zwei weitere könnten bereits reichen – und die möchte der TVB am Sonntag holen gegen ein Team, das längst alle Abstiegssorgen los ist.

In der vergangenen Saison hatte sich der TBV Lemgo zum Ligaverbleib gezittert, ein ähnliches Szenario wurde den Ostwestfalen vor dieser Spielzeit prophezeit – und sie straften die Experten Lügen. „Lemgo spielt eine sehr, sehr gute Runde“, sagt Jürgen Schweikardt.

„Das war so nicht zu erwarten.“ Mit den Abwehrspezialisten Fabian van Olphen und Isaias Guardiola habe sich der TBV gezielt verstärkt. „Die Struktur bei den Lemgoern passt – und dann hatte Lemgo auch das eine oder andere Erfolgserlebnis. Das zeigt, was möglich ist.“

Das Team von Trainer Florian Kehrmann sammelte mit einem guten Saisonstart gleich Selbstvertrauen. Es siegte in Erlangen (28:24), gegen Leipzig (33:29) und trotzte Melsungen (26:26) sowie Göppingen (27:27) jeweils einen Punkt ab.

Am siebten Spieltag war auch für den TVB in der Lipperlandhalle beim 21:24 nichts zu holen. Nach schwachen ersten 30 Minuten lag er mit sieben Toren im Hintertreffen, kämpfte sich zum 21:21-Unentschieden heran und musste sich dennoch geschlagen geben.

Zuletzt musste sich der TBV Lemgo der SG Flensburg-Handewitt deutlich mit 23:32 beugen – allerdings unter erschwerten Voraussetzungen: Mit Christian Klimek, Jari Lemke, Fabian van Olphen und Christoph Theuerkauf fehlten gleich vier wichtige Akteure. Florian Kehrmann schickte Spieler aus dem Drittligateam und A-Jugendliche auf die Platte. Die spielten frech auf.

Schweikardt geht davon aus, dass der Gegner am Sonntag wieder nahezu in Bestbesetzung antreten wird. „Lemgo hat keinerlei Druck, das macht die Aufgabe nicht einfacher für uns.“ In prima Form präsentierte sich zuletzt der TBV-Torhüter Peter Johannesson, im Rückraum sind Tim Suton und der Routinier Andrej Kogut die prägenden Spieler. Stark im Gegenstoß sind die Außen Tim Hornke und Patrik Zieker.

Der TVB wird aller Voraussicht nach mit dem Gummersbach-Kader antreten. Also nach dem derzeitigen Stand wieder ohne den am Rücken lädierten Torhüter Johannes Bitter. „Wenn er seine Einsatzbereitschaft signalisiert, wird er spielen. Wenn nicht, dann nicht.“ In diesem Fall käme Jonas Maier in der Genuss, gegen seinen ehemaligen Club im TVB-Tor zu stehen. Beim jüngsten 26:25-Sieg in Gummersbach zeigte Maier eine gute Leistung.

Im Großen und Ganzen zufrieden war Schweikardt auch mit Robert Markotic, der nach achtwöchiger Verletzungspause sein Comeback feierte. „Vorne hatte er zwei, drei gute Aktionen, in der Abwehr fehlte noch ein bisschen.“

Gegen Lemgo müsse sein Team konzentriert zu Werke gehen, sagt Schweikardt. Wichtig sei, weiterhin akribisch an den Kleinigkeiten zu arbeiten, „damit wir noch stabiler werden“.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW