Schweres Spiel in Ludwigshafen

Es ist kein Finale für den abstiegsgefährdeten Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart am Sonntag beim Vorletzten Eulen Ludwigshafen, schließlich werden anschließend noch 24 Punkte vergeben. Es ist aber auch kein Spiel wie jedes andere: Nach der Beurlaubung von Markus Baur steht Jürgen Schweikardt als Trainer und Geschäftsführer in der Verantwortung.

Jürgen Schweikardt kennt das Gefühl, in doppelter Mission unterwegs zu sein. In der Saison 2014/2015 führte der 37-Jährige seinen Heimatclub als Geschäftsführer und Trainer in die 1. Bundesliga. „Die zweite Liga war aber ein ganz anderes Niveau“, sagte Schweikardt schon am Montag, als er offiziell als Nachfolger des geschassten Trainers Markus Baur vorgestellt wurde. Nach dem Aufstieg vor knapp drei Jahren durfte sich Schweikardt – zu Recht – feiern lassen als einer der entscheidenden Wegbereiter des größten Erfolgs in der Vereinsgeschichte des TV Bittenfeld.

Aktuell indes ist’s nicht ganz so gut bestellt um den TVB, der am Sonntag mit der elften Niederlage in Folge auf einen Abstiegsrang rutschen und seinen Bezwinger, den Aufsteiger Eulen Ludwigshafen, in der Tabelle vorbeiziehen lassen müsste. Entsprechend groß ist die Anspannung bei Jürgen Schweikardt, der den Druck aus dem Umfeld spürt. Unter anderem vom Hauptsponsor. „Bei einem Abstieg würde die Welt nicht zusammenbrechen, wir sind so aufgestellt, dass wir damit umgehen könnten“, sagte Christian May, Sprecher der TVB-Gesellschafter und der Firma Kärcher am Montag. „Aber der Abstieg wäre sicherlich sehr enttäuschend.“

Damit’s so weit nicht kommt, muss der TVB nach der langen Durststrecke schleunigst wieder die Kurve kriegen. Für die Fans und das Umfeld zählt nur ein Sieg beim Vorletzten. Allerdings hat es die Aufgabe in sich: Wie schwer die Eulen zu bespielen sind, bekam der TVB im Hinspiel zu spüren. Beim 25:22-Sieg in der Scharrena hatte er größte Mühe, im Endspurt hielten vornehmlich Mimi Kraus und Jogi Bitter die Punkte fest.

Unter anderem auf die Erfahrung der Weltmeister setzt Jürgen Schweikardt in Ludwigshafen – auch wenn die beiden nach ihrer langen Verletzungspause noch nicht bei hundert Prozent ihres Leistungsvermögens sind. In der aktuell schwierigen Situation braucht der TVB allerdings nicht nur seine Routiniers, sondern jeden einzelnen – verbliebenen – Spieler. Wie schon Markus Baur, so muss auch Schweikardt bei der Aufstellung improvisieren: Finn Kretschmer (Fingerbruch), Tobias Schimmelbauer (Außenbandriss) und Neuzugang Robert Markotic (Sehnenanriss am Hüftbeuger) sind die Sorgenkinder. Vier bis sechs Wochen muss der TVB auf das Trio verzichten, hinzu kommen die Langzeitverletzten Felix Lobedank und Djibril M’Bengue.

Damit steht dem Trainer von vier Linkshändern im rechten Rückraum erneut nur einer zur Verfügung: Die Last trägt Stefan Salger. „Das bin ich ja gewohnt“, sagte der 21-Jährige beim Pressegespräch am Donnerstag und grinste. „Aber ich kann mich ja deswegen nicht aus Solidarität auch noch verletzen.“ Die erneuten Ausfälle seien zwar schlimm, im Kreise der Mannschaft seien sie aber kein Thema. Das bestätigte auch Schweikardt. „Im Umfeld wird das aber schon registriert. Robert Markotic hat mich gefragt, ob jemand Gift auf unseren Verein gestreut hat.“

Fünf Trainingseinheiten leitete Schweikardt seit seinem Amtsantritt. „Wir haben viel Handball gespielt, mit dem einen oder anderen Spieler habe ich auch längere Gespräche geführt.“ Jeder wisse natürlich, was auf dem Spiel stehe. Für ihn selbst sei’s zweifellos eine besondere Woche gewesen. Er könne zwar noch gut schlafen, aber wenn er das nicht tue, drehten sich seine Gedanken um dieses Spiel bei den Eulen.

„Wir wissen, was wir erreichen können bei einem Sieg“, so Schweikardt. „Aber wenn wir verlieren, ist am Montag auch noch nicht alles vorbei.“ Entscheidend sei, sich bestmöglich auf den Gegner vorzubereiten. „Es ist wie vor einer Prüfung, man muss mit einem guten Gefühl rein.“

Vor dem Gegner und seinem Trainer Benjamin Matschke hat Schweikardt „großen Respekt“. Dass der TVB nach zehn Niederlagen in Folge nicht als Favorit auf dem Feld stehe, sieht er eher als Vorteil. Zudem stehe der Gegner mindestens genauso unter Druck wie sein Team: Bei einer Niederlage und dann vier Punkten Rückstand auf die Nichtabstiegsplätze dürfte es für die Eulen sehr schwer werden mit dem Ligaverbleib.

In der Winterpause hat der Liga-Neuling seinen Kader deutlich nachgebessert: Aus Lemgo kam der russische Nationalspieler Azat Valiullin (27), den slowakischen Auswahlspieler Patrik Hruscak (28) holten die Eulen vom Zweitligisten HC Elbflorenz Dresden. Das wurfgewaltige, über zwei Meter große Duo soll die verletzungsbedingten Ausfälle der Rückraumspieler Patrick Weber und Jan Remmlinger kompensieren. Fehlen wird auch der Kreisläufer Frederic Stüber.

Ihre sieben Punkte holten die Eulen gegen Lemgo (24:20), Gummersbach (28:24), Minden (21:21), Lübbecke (23:23) und in Erlangen (22:22). Zuletzt mussten sie sich den Füchsen Berlin (19:25) und dem VfL Gummersbach (26:31) geschlagen geben. Außer den beiden Winter-Neuzugängen bringen der Torhüter Kevin Klier (33) und Gunnar Dietrich (31) die meiste Erfahrung mit.

Eine „Eule“ steht am Sonntag vor einem speziellen Spiel: Der rechte Rückraumspieler David Schmidt wird in der nächsten Saison das TVB-Trikot tragen. Schweikardt ist sich sicher, dass Schmidt alles für die Eulen in die Waagschale werfen wird. „Ich kenne seinen Charakter. David will nicht absteigen und er möchte sich nichts nachsagen lassen.“

Quelle: Thomas Wagner, ZVW