TVB reist geschwächt nach Hüttenberg

Eine extrem unangenehme Aufgabe wartet auf den Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart nach der Länderspielpause: Vor der Saison hatten die Experten den Liga-Neuling TV Hüttenberg zum Abstiegskandidaten Nummer eins gestempelt. Doch die Hessen spielen frech auf und zeigen sich als konkurrenzfähig. Das Lazarett des TVB hat sich nur unwesentlich gelichtet.

Mit dem 25:19-Sieg gegen den bereits als Zweitliga-Meister feststehenden TuS Nettelstedt-Lübbecke machte der TV Hüttenberg am letzten Spieltag der vergangenen Saison den Aufstieg in die erste Liga perfekt – und nicht nur das: Den Hessen gelang damit der Durchmarsch von der dritten Liga.

Es war zweifelsfrei eine phänomenale Leistung der Hüttenberger, deren Erstligatauglichkeit die Kenner der Szene vor der  Saison freilich infrage stellten. Erstens, weil 25 Minuspunkte eine Menge Holz und nicht eben ein Zeichen von Stabilität waren. Zweitens, weil der Kader lediglich mit zwei Vollprofis bestückt und zur neuen Saison nicht wesentlich verstärkt worden ist. Zu knapp bemessen ist der Etat offensichtlich bei den Hüttenbergern.

Nächste Überraschung in Lemgo
Nach der 26:33-Auftaktniederlage in Magdeburg schienen die Experten bestätigt in ihrer Einschätzung. Doch fortan zeigte der Neuling, dass er sich keinesfalls mit der Opferrolle in der ersten Liga begnügen wollte: Der SC DHfK Leipzig (26:25) und die MT Melsungen (28:28) behielten mit viel Glück die Punkte. In Wetzlar (23:23) schnappte sich der TVH den Premierenzähler und ärgerte anschließend bei der knappen 28:30-Niederlage den Tabellenführer Füchse Berlin. Es folgten zwei Unentschieden beim HC Erlangen und gegen FA Göppingen. Im Aufsteiger-Duell mit den Eulen Ludwigshafen gab’s am neunten Spieltag beim 28:27 den längst überfälligen Sieg. Zuletzt schnupperten die Hüttenberger beim 30:31 in Lemgo an der nächsten Überraschung.

Die folgte ein paar Tage danach – allerdings abseits des Spielfeldes: Der Erfolgstrainer Adalsteinn Eyjolfsson bat den Verein um sofortige Auflösung seines Vertrags, den die Verantwortlichen eigentlich verlängern wollten. Der Isländer liebäugelte mit der vakanten Stelle beim Liga-Konkurrenten HC Erlangen, nachdem die Franken ihren Trainer Robert Andersson überraschend vor die Tür gesetzt hatten.

Nichtabstiegsplatz nach zehn Spieltagen
Der TV Hüttenberg hat im ehemaligen Gummersbacher Emir Kurtagic rasch einen Nachfolger gefunden, der am Sonntag gegen den TVB 1898 Stuttgart sein Trainer-Comeback feiern wird. Kurtagic war beim VfL Ende März entlassen worden und ist nun gefordert, die gute Arbeit Eyjolfssons fortzusetzen. Nach zehn Spieltagen steht der Aufsteiger in der Tabelle auf einem Nichtabstiegsplatz und hat Erlangen, Gummersbach und den TuS Nettelstedt-Lübbecke hinter sich gelassen.

„Das ist ein eingeschworener Haufen“
Große Stärke der Hüttenberger ist die Geschlossenheit, der Team- und Kampfgeist. „Das ist ein eingeschworener Haufen“, sagt der TVB-Trainer Markus Baur. Die großen Namen im Team fehlen, 90 Prozent der Spieler arbeiten oder studieren nebenbei. Dabei besteht der Kader keinesfalls ausschließlich aus Grünschnäbeln. Auf der Spielmacher-Position zieht der ehemalige Eisenacher und tschechische Nationalspieler Tomas Sklenak (35) die Fäden. Internationale Erfahrung bringt auch der Montenegriner Vladan Lipovina mit, der wie Moritz Zörb, Tobias Hahn und Christian Rompf von der HSG Wetzlar kam. Eine starke Aufstiegssaison spielte der Torhüter Matthias Ritschel, er ist der große Rückhalt des Teams.

Prunkstück des TVH ist die aggressive, flinke 3:2:1-Deckung, welche auch die Gegner in der ersten Liga regelmäßig vor Probleme stellt. Ballverluste und zögerliche Aktionen sind ein gefundenes Fressen für die konterstarken Hüttenberger.

Personallage beim TVB kaum entspannt
Der TVB-Trainer zeigt sich nicht überrascht von der Rolle, die die Hüttenberger spielen. „Mit war klar, dass ihre Spielweise auch für die Erstligisten unangenehm ist“, sagt Markus Baur. Wichtig sei, die Deckung des TVH mit verschiedenen Abläufen vor Aufgaben zu stellen. „Wenn wir die Angriffe mit Anprellen aufziehen, werden die Hüttenberger präsent sein.“

Um variabel zu agieren, braucht es verschiedene Spielertypen – und damit ist der TVB derzeit nicht gesegnet. „Ich hätte in Hüttenberg schon gerne alle Spieler an Bord“, sagt Baur. Entspannt hat sich die Personallage allerdings kaum. Finn Kretschmer hat seine Außenbandverletzung überstanden und kehrt in den Kader zurück. Bei Marian Orlowski (Bänderverletzung) besteht Hoffnung auf einen Kurzeinsatz. Nicht reichen wird es für Simon Baumgarten (entzündeter Rückenwirbel), Tobias Schimmelbauer (Schulterverletzung) und Michael Kraus (Muskelfaserriss).

Markus Baur erwartet einen hochmotivierten Gegner. „Hüttenberg wird weiterhin unbedarft in jedes Spiel gehen – mit der Vorgabe, wir schauen mal, was geht.“

Quelle: Thomas Wagner, ZVW