Salger: Von der Landesliga in die Bundesliga

Ein Wechselbad der Gefühle hat Stefan Salger am Ende der vergangenen Saison erlebt: erst der Frust über den unglücklichen Abstieg mit der SG Leutershausen aus der 2. Handball-Bundesliga, dann die Freude über das verlockende Angebot aus der 1. Liga. Beim TVB 1898 Stuttgart hat sich der 21-Jährige rasch eingelebt – und ist alles andere als ein Mitläufer.

Das muss sich einer erst mal trauen: 23 Sekunden sind beim Punktspielauftakt des TVB gegen die MT Melsungen gespielt, da nimmt sich ausgerechnet der Youngster im rechten Rückraum den ersten Wurf – und knallt ihn dem schwedischen Nationaltorhüter Johan Sjöstrand zum 1:0 für den TVB um die Ohren. Herzlich willkommen in der stärksten Liga der Welt, Stefan Salger.

„Der Trainer sagte ‘Mach einfach’“
„Nein, ich hab’ in dem Moment nicht großartig überlegt“, sagt er. Keine Spur von Nervosität etwa? Immerhin war die Halle mit rund 5800 Fans sehr gut gefüllt. Und auf der Tribüne drückte die komplette Familie die Daumen: Eltern, Schwester, Bruder, Tante, Onkel, Oma.

„Einige Tage vor dem Spiel, beim Training in der Porsche-Arena, war ich brutal aufgeregt“, sagt Salger. „Als es losging, war aber alles weg.“ Zumal ihm Markus Baur vor der Partie mit auf den Weg gegeben habe, die Sache mutig anzugehen. „Der Trainer sagte ‘Mach einfach’.“

Fünf Treffer gingen beim 31:29-Sieg des TVB auf das Konto des Linkshänders, wobei er sich auch vom einen oder anderen Fehlversuch nicht aus der Ruhe bringen ließ. „Du brauchst ein gewisses Selbstvertrauen, sonst schaffst du es nicht in die Erste Liga“, sagt Salger. Und eine Portion Unbekümmertheit. Talent freilich auch. Mit all diesen Eigenschaften ist der Allgäuer gesegnet – wobei die Karriere als Profi-Handballer lange gar nicht geplant war.

Zunächst ohne Ambitionen, eine Handball-Karriere zu starten
Oberstaufen im Allgäu, wo Salger groß geworden ist, zählt nicht eben zu den Handball-Hochburgen in der Republik. Mit sechs, sieben Jahren spielte er nicht nur Handball, sondern auch Fußball, und er schwamm. „Irgendwann wurde mir das dann doch zu viel“, sagt er.

Er entschied sich für den Handball. Weil Oberstaufen später in Salgers Altersstufe keine Jugendmannschaft meldete, wechselte er erst zum TSV Kottern und anschließend nach Immenstadt, wo er auch in die Schule ging.

„Der Fokus lag immer auf der Schule“
Schon immer war Salger, der heute 2,07 Meter misst, einige Zentimeter größer als seine Mannschaftskollegen. Und auch ein bisschen besser offensichtlich, jedenfalls spielte er in der Regel eine Altersstufe höher. Und in der Bayernauswahl. Größere Ambitionen habe er damals jedoch nicht gehabt. „Der Fokus lag immer auf der Schule, und ich wollte einfach Spaß haben mit meinen Freunden.“

Mit 17 Jahren bereits spielte Salger in Immenstadt in der Männermannschaft, die Karriere nahm allmählich Fahrt auf. Der Sportliche Leiter des TV hatte Kontakt zu den Rhein-Neckar Löwen und Balingen. Nach einem Probetraining bei den Mannheimern wechselte Salger aufs Internat und spielte eineinhalb Jahre mit der SG Kronau-Östringen in der A-Jugend-Bundesliga. Nebenbei schloss er in Mannheim seine Ausbildung zum Physiotherapeuten ab.

Der perfekte Mentor
Sportlich indes lief’s nicht so ganz rund. „Das Niveau war sehr hoch, ich hatte lauter Jugendnationalspieler um mich herum“, sagt Salger. Zur Saison 2015/2016 war’s Zeit für einen Tapetenwechsel. Der Drittligist SG Leutershausen war für Stefan Salger im Nachhinein der perfekte Verein – und sein Trainer Marc Nagel der perfekte Mentor.

„Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“ Nagel mache klare Ansagen, die ein junger Spieler brauche. „Ich habe gleich großes Vertrauen gespürt.“ Nagel habe ihm eine ganze Menge beigebracht. „Technisch und taktisch hatte ich erheblichen Nachholbedarf, weil ich in der Jugend einfach auf einem zu niedrigen Niveau gespielt habe.“

191 Salger-Tore reichen nicht zum Ligaverbleib
Bei der SG lief’s hervorragend: Salger stieg mit den Roten Teufeln gleich in die 2. Liga auf – allerdings umgehend wieder ab. Aufgrund der schlechteren Tordifferenz und trotz 191 Salger-Toren. So traurig die Saison endete: Für Salger war der Abstieg mit einem Aufstieg verbunden.

Sein Vertrag bei der SG galt lediglich für die 2. Liga, also klopften die Interessenten an. Salgers Wahl fiel auf den TVB 1898 Stuttgart – auch, weil er den Trainer kannte. Im vergangenen Jahr führte Markus Baur die U-20-Auswahl des Deutschen Handball-Bundes, mit Salger, ins Finale der Europameisterschaft. „Markus Baur weiß, wie er mich anpacken muss“, sagt Salger.

„Die Erste Liga ist ein großer Schritt“
Weil Djibril M’Bengue und Felix Lobedank noch längere Zeit ausfallen werden, bekommt Salger im rechten Rückraum zwangsläufig viele Spielanteile. „Natürlich ist die Erste Liga ein großer Schritt für mich, ich weiß, dass gewisse Erwartungen da sind.“

Zu viel Druck indes spüre er nicht. Er fühle sich sehr gut aufgehoben. „Und ich habe den großen Vorteil, Spieler wie Michael Schweikardt oder Michael Kraus neben mir zu haben. Sie reden sehr viel mit mir und unterstützen mich.“

Es hätte nicht besser laufen können für den 21-Jährigen. „Ich war ein paar Mal zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“, sagt er und lächelt. „Es ist schon verrückt, vor vier Jahren spielte ich noch in der Landesliga. Ein bisschen Glück gehört auch dazu.“

Quelle: Thomas Wagner, ZVW