TVB verpasst die Sensation

Der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart hat die Sensation hauchdünn verpasst: Vor 10285 Zuschauern musste sich das abstiegsgefährdete Team von Trainer Markus Baur gestern Nachmittag beim THW Kiel mit 24:25 (15:12) geschlagen geben. Der deutsche Rekordmeister zitterte sich im über 60 Minuten spannenden Spiel gegen den starken TVB mit etwas Glück ins Ziel.

Nach dem furiosen Einzug ins Viertelfinale der Champions League bei den Rhein-Neckar Löwen am Donnerstag waren die Fans des THW Kiel vor dem Spiel gegen den TVB in prächtiger Feierlaune. In der Liga hatten die Zuschauer einen relativ entspannten Nachmittag erwartet gegen den krassen Außenseiter aus Stuttgart. Am Ende mussten die Kieler jedoch froh sein, beide Punkte im hohen Norden behalten zu haben. Der TVB setzte dem THW bis zur letzten Sekunde ordentlich zu und hätte sich um ein Haar einen Bonuszähler geklaut: Der finale Wurf von Mimi Kraus zwei Sekunden vor der Schlusssirene fand nicht den Weg ins Tor zum 25:25-Ausgleich.

Der TVB startete selbstbewusst in die Partie gegen den THW, der auf die angeschlagenen Steffen Weinhold und Domagoj Duvnjak verzichtete. Zweimal bediente Kraus am Kreis Simon Baumgarten, dazwischen traf Dominik Weiß. Und der in den ersten 30 Minuten überragende Torhüter Jogi Bitter hielt den Siebenmeter von Marko Vujin. Nach drei Minuten führten die Gäste mit 3:1.

Aus dem Feld heraus zeigte sich Vujin treffsicherer. Der Rückraumspieler und der Kreisläufer Ilija Brozovic drehten die Partie zum 6:5 nach neun Minuten. Es entwickelte sich ein flottes Spiel, in dem sich der TVB überraschenderweise auf Augenhöhe bewegte. Der TVB blieb auch nach dem 9:7 von Christian Sprenger (13.) dran, bereitete dem Heimteam mit einer konzentrierten und aggressiven Deckungsarbeit und guter Abschlussquote große Schwierigkeiten. Nach einer Viertelstunde bat der Kieler Trainer Alfred Gislason seine Spieler zur Auszeit und brachte im Tor Niklas Landin für Andreas Wolff, der das Duell gegen Bitter bsi dahin klar verloren hatte.

Die Unterbrechung indes fruchtete nicht – im Gegenteil: Mit einem Doppelschlag markierte Michael Schweikardt den 9:9-Ausgleich (19.), und nach dem 10:10 durch Patrick Wiencek verlor der Favorit völlig den Faden. Acht Minuten gelang den Kielern kein Treffer mehr. Schweikardt bediente Kraus per Kempatrick, der zum 11:10 für den TVB traf. Bitter parierte auch den Siebenmeter gegen Raul Santos. TVB-Coach Baur schickte fortan den siebten Feldspieler auf den Platz, womit der THW seine liebe Müh‘ und Not hatte. Bobby Schagen und Kraus brachten den TVB mit 13:10 in Führung (28.). Diesen verdienten Drei-Tore-Vorsprung verteidigte das Team beim 15:12 zur Pause.

Der Kieler Trainer Alfred Gislason hatte seinem Team in der Halbzeit vermutlich ordentlich die Leviten gelesen, jedenfalls kehrten seine Spieler deutlich entschlossener aufs Spielfeld zurück. Landin musste seinen Platz im Tor wieder für Wolff räumen. Und die Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft sollte zum entscheidenden Faktor für sein Team werden. Der TVB, im ersten Spielabschnitt mit einer starken Trefferquote von 80 Prozent, scheiterte nun gleich reihenweise am Keeper. Binnen sechs Minuten schnappten sich die Kieler mit einem 6:1-Lauf beim 18:16 die erste Zwei-Tore-Führung.

In dieser Phase hatte der TVB der Wucht und individuellen Klasse der Kieler nur wenig entgegenzusetzen. Nach Nikola Bilyks Doppelschlag zum 22:18 (46.) schien die Partie in die erwartete Richtung zu laufen. Der TVB zeigte jedoch sein großes Kämpferherz und ließ sich, trotz weiterhin mäßiger Wurfquote, nicht abschütteln. Trainer Baur setzte weiterhin auf die Taktik des siebten Feldspielers. Der THW zeigte nach der 23:20-Führung (50.) noch zweimal vom Siebenmeterstrich gegen Bitter Nerven. Nach zwei Toren von Marian Orlowski waren die Gäste beim 23:22 wieder dran – und der Favorit musste sieben Minuten vor dem Ende zittern.

In der Schlussphase durften sich die Kieler bei Wolff und dem ebenfalls starken Vujin bedanken – und hatten auch das nötige Glück auf ihrer Seite. Vujins 24:22 beantwortete Weiß mit dem 24:23 (57.). Im folgenden Angriff landete Vujins Wurf in Wembley-Manier an der Latte und von dort offensichtlich knapp hinter die Linie zum 25:23 im Tor. Felix Lobedank hielt beim 25:24 die Hoffnung auf einen Punkt am Leben.

45 Sekunden vor dem Ende legte Gislason erneut die Grüne Karte. Nachdem Bitter beim letzten Wurf zur Stelle war, blieben dem TVB bei einem Freiwurf noch zwei Sekunden. Der Pass landete bei Kraus, dessen Wurf vom Block des THW so abgefälscht, dass er ungefährlich wurde.

So schrammte der TVB 1898 nach einer couragierten Vorstellung nur knapp an der großen Überraschung vorbei. Die über weite Strecken starke Leistung macht aber Hoffnung im Abstiegskampf.

THW Kiel: Landin, Wolff; Toft Hansen (1), Lackovic, Sprenger (2/1), Dissinger, Wiencek (3), Zeitz, Dahmke (3), Brozovic (3), Vujin (6), Bilyk (4), Nilsson (3), Santos.

TVB 1898 Stuttgart: Bitter, Mathes; Schimmelbauer (1), Lobedank (2), Weiß (3), Schagen (3/1), Schweikardt (3), Kraus (5), Coric, Baumgarten (3), Fotache, Kretschmer, Orlowski (2), Celebi (2).

Quelle: Thomas Wagner, ZVW