Bobby Schagen und Tess Wester

TVB 1898 Stuttgart. Seit fast acht Jahren sind die Torhüterin Tess Wester und der Rechtsaußen Bobby Schagen (27) ein Paar. Die sportliche Karriere zwang die niederländischen Handball-Nationalspieler jedoch zu einer Fernbeziehung – die hat seit Sommer ein Ende: Wester spielt für Bietigheim, Schagen für den TVB Stuttgart. Nun leben die beiden erstmals in einer gemeinsamen Wohnung.

„Traum von Amsterdam, der die Hoffnung nahm, allein in einer fremden Stadt, allein in Amsterdam.“

Immer, wenn Bobby Schagen den Ball im gegnerischen Tor versenkt hat, tönt aus den Lautsprechern in der Porsche-Arena oder Scharrena dieser Schlager „Traum von Amsterdam“. „Das war schon so, als ich in Nordhorn gespielt hab’“, sagt der 27-jährige gebürtige Amsterdamer und lächelt.

Beide hatten den selben Physiotherapeuten

Nicht nur für den TVB und seine Fans ist Schagen ein Traum, auch für Tess Wester. Vor fast acht Jahren liefen sich die beiden zum ersten Mal über den Weg. Die damals 15 Jahre alte Torhüterin trainierte mit der Handball-Akademie in derselben Halle wie die männliche Jugend-Nationalmannschaft. Beide Teams hatten denselben Physiotherapeuten. „Ich habe Bobby gesehen und gedacht, na ja, der gefällt mir schon“, sagt Wester und grinst. Sie habe beim Physio nachgefragt, „was da so läuft bei dem“. Anschließend habe sie sich „ein bisschen bemüht, dann ging’s ganz schnell“.

Seither sind die beiden unzertrennlich – auch wenn bisweilen über 600 Kilometer zwischen ihnen liegen. Bis 2011 spielte die Torhüterin in Holland. Ihr Freund wagte schon 2009 – mit 18 Jahren – den Sprung in die deutsche Bundesliga. Erste Station war der TSV Dormagen, dann spielte er fünf Jahre in Nordhorn. Wester schloss sich 2011 dem VfL Oldenburg an, 2015 suchte sie in Bietigheim eine neue Herausforderung. Schagen zog’s derweil nach Lübbecke in Nordrhein-Westfalen.

Keine Wochendbeziehung möglich

„Das war schon eine harte Zeit“, sagt Schagen. Schließlich können Handballer keine normale Wochenendbeziehung führen, weil da in der Regel die Spiele auf dem Programm stehen. Fünf- bis sechsmal, schätzt Schagen, hat das Paar in der vergangenen Spielzeit die Wochenenden gemeinsam verbracht.

Damit ist seit vorigen Sommer nun Schluss. Der TVB klopfte an – für Schagen eine glückliche Fügung. Sportlich war’s eine Verbesserung, weil Lübbecke in die 2. Liga abstieg. In Metterzimmern fand das Paar eine Wohnung, die groß genug ist, damit die Eltern übernachten können, wenn sie aus Holland zu Besuch sind.

„Ich bin ja quasi in der Halle aufgewachsen“, sagt Schagen

Schagens Eltern spielten Handball, da war’s fast logisch, dass sich der Filius auch diesem Sport verschrieben hat. „Ich bin ja quasi in der Halle aufgewachsen“, sagt er. Tess Wester dagegen war handballerisch nicht vorbelastet, die Eltern spielten Volleyball. Als Tess fünf Jahre alt war, zog die Familie in ein Dorf, in dem für Mädchen nur Tennis und Handball angeboten wurden. „Meine Eltern sagten, geh’ zum Handball, da lernst du am besten neue Freunde kennen“, so Wester.

Angefangen hat sie als Feldspielerin – wobei sie es da offensichtlich nicht allen recht machte. „Ich habe wohl immer, sobald ich den Ball in meine Hände bekam, aufs Tor geworfen“, sagt sie und grinst. „Ich war ein bisschen egoistisch.“ Irgendwann wechselte sie ins Tor und durchlief – wie ihr Freund – sämtliche Auswahlmannschaften bis zur A-Nationalmannschaft.

Nierderländische Hanballerinnen wie Popstars gefeiert

Die holländischen Männer sind dabei nicht ganz so erfolgreich wie die Frauen, die mit ihren Auftritten bei den Olympischen Spielen und dem Gewinn der Silbermedaille bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr einen regelrechten Hype entfacht haben. „Vorher kannte in Holland keiner den Frauenhandball so richtig“, sagt Schagen. Die Sportart habe klar im Schatten von Hockey und Volleyball gestanden. „Jetzt sind die Länderspiele übers Internet in fünf Minuten ausverkauft. Das ist so, wie wenn Justin Bieber in Amsterdam auftritt.“

Wie Popstars werden die Handballerinnen durch die Medien gereicht – und Tess Wester ist dabei besonders gefragt. Übertroffen in der Popularität wird sie höchstens noch von Estevana Polman, die mit dem holländischen Fußballstar Rafael van der Vaart liiert ist. Schagen kann gut verstehen, dass die niederländischen Handballerinnen in aller Munde sind. „Sie sind spielfreudig, jung und spontan in ihren Interviews. Das kommt gut an bei den Leuten.“ Und, nicht eben von Nachteil, die Spielerinnen seien alle sehr hübsch.

Sportlich könnte es bei Wester kaum besser laufen

„Sobald ich in Holland bin, geht die Bombe ab“, bestätigt Tess Wester. Interview-Termine, Fernseh-Shows und Radiosendungen – das gesamte Programm eben. In Bietigheim gehe es deutlich ruhiger zu. „Aber es macht Spaß, im Moment genieße ich den ganzen Trubel. Wer weiß, das kann wieder ganz schnell zu Ende sein.“ Das Wichtigste sei, weiterhin erfolgreich zu spielen. „Sonst kannst du noch so gut aussehen und noch so tolle Interviews geben.“

Sportlich könnte es bei Tess Wester derzeit kaum besser laufen: Die SG BBM Bietigheim steht in der ersten Liga ungeschlagen an der Tabellenspitze, das Team hat sich fürs Final-Four im DHB-Pokal qualifiziert und im EHF-Cup das Viertelfinale erreicht.

Gegenseitige Unterstützung sind selbstverständlich

Tess Wester ist ehrgeizig, sie möchte möglichst alles gewinnen. Große Ziele hat auch ihr Freund, der mit dem TVB ums sportliche Überleben in der ersten Liga kämpft. Gegenseitige Unterstützung und Anteilnahme sind dabei selbstverständlich. „Seit wir zusammenwohnen, sprechen wir viel mehr über Handball als früher“, sagt Wester. Besonders viel Zeit für gemeinsame Unternehmungen außerhalb des Handballs bleibt den beiden übrigens nicht, meistens überschneiden sich die Trainingszeiten. „Manchmal sehen wir uns nur zehn Minuten am Tag.“ Mehr als ein Spaziergang oder ein Kaffeekränzchen ist oft nicht drin. Vor zwei Wochen hatten die beiden zum ersten Mal in dieser Saison am selben Tag komplett trainingsfrei. Also peilten sie einen gemeinsamen Stadtbummel in Stuttgart an. Der jedoch fiel aus: Wester wurde krank, Schagen pflegte seine Freundin zu Hause.

Der Handball steht über allem

Ein bisschen Zeit bleibt den beiden ja noch, den Ausflug nachzuholen. Beide Verträge enden im Juni nächsten Jahres. Intensive Gedanken gemacht, wie’s dann weitergehen wird, haben sich die beiden noch nicht. „Es wäre natürlich schön, wenn wir weiter zusammenleben könnten“, sagt Wester. Letztlich müsse jedoch jeder für sich selbst entscheiden, welchen sportlichen Weg er gehen möchte. Schließlich seien sie in Deutschland, um ihren Sport zu betreiben. „Es macht keinen Sinn, wenn einer von uns unter seinem Niveau spielt, nur damit wir zusammenwohnen können.“

Der Handball steht über allem, deshalb hat Tess Wester ihr Psychologie-Studium auf Eis gelegt. „Es lässt sich bei den vielen Terminen und Spielen einfach nicht kombinieren“, sagt sie. Auch Schagen, der sein Journalistik-Fernstudium beendet hat, konzentriert sich derzeit auf den Handball. Trotzdem macht er sich Gedanken darüber, wie es für ihn nach der Karriere weitergehen könnte. Wichtig sei, ein Netzwerk aufzubauen und Kontakte zu pflegen, die einem später Türen öffnen könnten.

Traumstadt Amsterdam

Vielleicht schließt sich der Kreis für Schagen dort, wo alles begann – in seiner Traumstadt Amsterdam.

 

Quellen: Thomas Wagner, ZVW