Baur gibt die Bienchen-Taktik aus

Stark begonnen, stark nachgelassen, stark aufgehört: So lässt sich die Hinrunde aus Sicht des Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart zusammenfassen. Die vier leichtfertig verschenkten Punkte gegen Minden und Balingen drücken aufs Gemüt. Auch wenn der TVB den Betrieb nach der WM-Pause auf einem Abstiegsrang aufnimmt: Trainer Markus Baur ist zuversichtlich.

Nach dem durchaus beeindruckenden 28:26-Sieg gegen das Überraschungsteam SC DHfK Leipzig gab’s viel Lob für den TVB und dessen Trainer. Die Frage, warum sein Team nicht immer so spiele, musste sich Markus Baur oft anhören. „Natürlich gewinnen wir in Balingen, wenn wir so spielen“, sagt er. „Aber vielleicht hätten wir dann gegen Leipzig nicht gewonnen.“

Die Niederlagen gegen die direkten Konkurrenten schmerzen

Alles in allem, liegt der TVB in etwa im Plan, den sich Markus Baur vor der Saison zurechtgelegt hatte. „Ich hab’ gesagt, wenn wir zehn Punkte haben, sind wir im Soll.“ Insgeheim habe er mit zwölf spekuliert. Die waren möglich, so schmerzen ihn am meisten die Niederlagen gegen die direkten Abstiegskonkurrenten Minden und Balingen am Ende der Hinrunde. „Wenn wir da nur ein Spiel gewonnen hätten …“

Zunächst lief’s besser, als es sich Baur ausgemalt hatte. Zum Saisonstart brachte der TVB den Titelkandidaten THW Kiel kräftig ins Schwitzen, am zweiten Spieltag sicherten sich die Bittenfelder die wichtigen Punkte gegen den Abstiegskonkurrenten Bergischer HC.

Neuzugang Can Celebi schlug ein

Nach der Niederlage in Erlangen demontierte der TVB den favorisierten Vorjahressiebten TSV Hannover-Burgdorf mit 30:20 und geriet beim Vereinsweltmeister Füchse Berlin nach dem zwischenzeitlichen 22:22-Gleichstand erst in den letzten sieben Minuten auf die Verliererstraße. Den ersten Auswärtssieg holte sich der TVB anschließend beim Aufsteiger Coburg. Erfreulich war zudem, dass der nachverpflichtete Can Celebi sehr gut einschlug.

Mit 6:6 Punkten und dem nicht eingerechneten Sieg gegen Hannover stand der TVB für seine Ansprüche prima da – und verpasste nur hauchdünn ein positives Punktekonto bei der unglücklichen 31:32-Niederlage gegen den SC Magdeburg. „Wer weiß, vielleicht hätten wir dann einen Lauf gekriegt wie gegen Leipzig“, sagt Baur.

Es kam jedoch anders: Hatte der TVB zu Beginn der Runde die verletzungsbedingten Ausfälle von Felix Lobedank und Viorel Fotache noch kompensiert, so traf es ihn in der zweiten Hälfte knüppeldick: Ohne Tobias Schimmelbauer, Djibril M’Bengue und Jogi Bitter fehlten die Alternativen. Zudem fiel Celebi nach nur vier Einsätzen wegen einer Meniskus-Operation für den Rest des Jahres aus.

Melsungen und die Rhein-Neckar Löwen waren eine Nummer zu groß für den TVB, auch bei den aufstrebenden Leipzigern war er ohne Siegchance. Nach dem Big Point gegen Lemgo und 8:14 Punkten war der TVB im Plan – und erwischte anschließend eine schwache Phase. Der TVB ließ nicht nur Punkt um Punkt liegen, sondern verspielte auch Kredit bei seinen Fans. In den Partien gegen Gummersbach, Flensburg-Handewitt und Göppingen ließ die Einstellung des einen oder anderen Spielers – zumindest phasenweise – zu wünschen übrig. Mit jeder verlorenen Partie wurde die Verunsicherung größer, etliche Spieler liefen ihrer Form ein gutes Stück hinterher.

Besonders laut wurde die Kritik nach der 28:46-Pleite gegen die SG Flensburg-Handewitt. Die war nach Ansicht von Markus Baur in dem Maße nicht angebracht. „Natürlich hat uns Flensburg überrollt“, sagt er. Dass sein Team jedoch ausgelacht und kein gutes Wort mehr verloren worden sei, hat ihm nicht gefallen. „Es wurde ewig auf diesem Spiel herumgeritten.“

Der Sturz auf einen Abstiegsrang

Wenig überraschend war’s für Baur, dass sich eine allgemeine Verunsicherung breitgemacht habe. „Es gibt eine bestimmte Erwartungshaltung von außen und auch eine, welche die Spieler an sich selbst haben.“ Dass der TVB im Anschluss die lange kriselnden Göppinger vorgesetzt bekamen, als diese im Aufwind waren, war gleichfalls nicht förderlich. Mit 9:17 lag der TVB zur Pause hinten, ehe er das Derby im zweiten Spielabschnitt ausgeglichen gestaltete.

Zu erben indes gab’s nichts mehr in den restlichen Hinrundenspielen. Erwartungsgemäß nicht in Wetzlar und – besonders enttäuschend –, auch gegen Minden und in Balingen nicht. Logische Folge war der Sturz auf den ersten Abstiegsrang zum Hinrunden-Ende. Der TVB lag am Boden – und stand am zweiten Weihnachtsfeiertag mit dem angesichts der misslichen Lage überraschenden Sieg gegen Leipzig wieder auf. Zum einen, weil der lange verletzte Jogi Bitter zeigte, wie wertvoll er für den TVB ist. Zum anderen, und das freut Baur besonders, weil die zuletzt in die Kritik geratenen Dominik Weiß und Felix Lobedank einen forschen Auftritt hinlegten.

„Punkte sammeln wie die Bienchen“

Baur hofft nun, dass jeder einzelne Spieler das wiedergewonnene Selbstvertrauen ins Jahr 2017 mitnimmt. Mit einem „guten Gefühl“ könne das Team nun in die Vorbereitung starten und die Voraussetzungen schaffen, mindestens zehn weitere für den Ligaverbleib nötigen Zähler zu holen. „Wir müssen fleißig Punkte sammeln wie die Bienchen“, sagt Baur.

Optimistisch stimmt ihn, dass nach dem derzeitigen Stand die Langzeitverletzten Tobias Schimmelbauer und Djibril M’Bengue beim Trainingsstart am 9. Januar wieder dabei sein dürften. Bis dahin steht Regeneration auf dem Programm – eine Auszeit für den Körper und den Kopf.

Auch der Trainer freut sich auf ein paar Tage Ruhe. Und darauf, nicht ständig mit dem Bundestrainer-Thema konfrontiert zu werden. Die Chancen hierfür stehen nicht schlecht: Es geht zum Skifahren mit der Familie. „Und da habe ich ja meist einen Helm auf und höre nichts.“