Glücksgefühle nach unruhiger Nacht

Es ist ein fast schon verloren gegangenes Gefühl gewesen für den ältesten Schlussmann der 1. Handball-Bundesliga: Der TVB-Torhüter Dragan Jerkovic raubte den Werfern des TBV Lemgo den Nerv, die Fans in der ausverkauften Scharrena feierten den 40-Jährigen mit lauten „Dragan, Dragan“-Rufen.

Es ist schon eine ganze Weile her, als Dragan Jerkovic – in einem Pflichtspiel – zur Startaufstellung des TVB gezählt hat. So lange, dass sich der Torhüter gar nicht mehr genau erinnern kann. „Das muss im vergangenen Jahr gewesen sein“, sagt Jerkovic – und schiebt gleich nach: „Es ist keine Frage, dass Jogi ganz klar und zu Recht die Nummer eins ist.“

Wer Jogi Bitter vor der Nase hat, muss sich gedulden. So lange, bis der Weltmeister von 2007 und Publikumsliebling einen schwachen Tag hat. Oder verletzungsbedingt unpässlich ist – wie am Freitag im Spiel gegen Lemgo. „Jogis Ausfall war für uns alle ein großer Schock“, sagt Jerkovic. „Er hat stark gespielt in dieser Saison, und er ist ein ganz wichtiger Spieler in unserem Team.“

Trotz Erfahrung den Druck gespürt

Drei Tage hatte die eigentliche Nummer zwei Zeit, sich auf seine neue Rolle vorzubereiten. Trotz seiner Erfahrung habe er den Druck gespürt vor diesem für den TVB so bedeutsamen Spiel – und in der Nacht davor ziemlich schlecht geschlafen. „Ich wusste, dass viele Fragen kommen würden, wenn ich nichts gehalten hätte.“ Vor dem Spiel habe er ein gutes Gefühl gehabt, der Körper und Kopf seien bereit gewesen für die verantwortungsvolle Aufgabe. Auch dank der Unterstützung von Co-Trainer Karsten Schäfer und Chef-Coach Markus Baur, deren Vertrauen er gespürt habe.

„Ich war heiß, die ganze Mannschaft war von Beginn an da.“ Äußerst präsent war auch der Torhüter: Er parierte den ersten Wurf auf sein Tor von Rolf Hermann, anschließend hielt er zwei schwierige Bälle von Außen und einen Siebenmeter. „Es ist für jeden Torhüter wichtig, dass er in den ersten zehn Minuten etwas hält“, so Jerkovic. „Für einen 40-Jährigen war es, glaube ich, gar nicht so schlecht“, sagt er und lacht. In den zweiten 30 Minuten sei er ein bisschen müde geworden, er habe gespürt, dass die Konzentration und Kraft nachließen. 60 Minuten auf der Platte zu stehen, sei er eben nicht gewohnt. „Am Schluss haben wir auch ein wenig Glück gehabt.“

„Die Fans motivieren mich“

Genossen hat Jerkovic die lauten „Dragan, Dragan“-Rufe der Fans. „Das war ein schönes Gefühl, die Fans motivierten mich zusätzlich“, sagt der Keeper, der es in den zehn Spielen in dieser Saison auf lediglich rund 24 Minuten Einsatzzeit gebracht hat. Inklusive der 60 Minuten vom Freitag steht eine Fangquote von 25,42 Prozent in der Bilanz. Das ist nicht überragend, aber auch nicht schlecht. Mit dem Göppinger Primoz Prost (23,45) und dem Ex-TVB-Keeper Björgvin Gustavsson (23,04) stehen beispielsweise zwei Klasse-Keeper in der Rangliste hinter dem Bittenfelder „Oldie“.

Bis Weihnachten wird Jerkovic noch einige Spielminuten sammeln, schließlich ist mit Jogi Bitter in der Hinrunde nicht mehr zu rechnen. Im neuen Jahr wird Jerkovic die Saison beim TVB als Nummer zwei beenden – mit der Rangordnung hat er kein Problem. „Mit Jogi, Linus Mathes und mir haben wir drei Torhüter“, sagt Jerkovic. „Und jeder ist zufrieden, weil er seine Rolle in der Mannschaft genau kennt.“

Vertrag läuft im Juni aus

Im Juni läuft Jerkovics Vertrag aus. Was danach kommt, weiß er noch nicht. „Ich fühle mich gut und gesund“, sagt er. Er würde gerne noch ein bisschen weiterspielen. „Die Frage ist, auf welchem Niveau.“ Eine Rückkehr in die kroatische Heimat kann er sich momentan nicht vorstellen. „Meine Liebe ist der TVB“, sagt Jerkovic. „Ich sehe meine Zukunft in der Region Stuttgart.“ Noch habe es kein Gespräch mit dem TVB gegeben.

Aktuell gehören Jerkovics Gedanken den kommenden schwierigen Aufgaben. „Ein paar Punkte sollten wir in der Hinrunde schon noch holen.“ Vielleicht schon in Gummersbach, es folgen die beiden Heimspiele in der Porsche-Arena. „Gegen Flensburg möchten wir uns gut präsentieren, dann kommt Göppingen zum Derby.“ Nach den beiden deutlichen Niederlagen in der vergangenen Saison scheint der TVB ein bisschen näher dran zu sein an Frischauf.

Und Jerkovic hätte sicherlich nichts dagegen, wenn auch die Fans in der Porsche-Arena seinen Namen riefen.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW