Es gibt keinen TV Schweikardt

Herr Schweikardt, kann es sein, dass die eine oder andere Träne geflossen ist, als Sie nach dem Sieg in Hüttenberg Ihrem Vater in die Arme gefallen sind?

Tränen sind bei mir nicht geflossen, aber natürlich war die Freude riesig. Es waren so viele Leute da, die sehr, sehr glücklich waren. Das berührt einen natürlich.

Die Facebook-Seite des TVB platzte nahezu aus allen Nähten angesichts der vielen Glückwünsche. Auch ehemalige Spieler wie Dennis Szczesny, Jens Bechtloff, Jan Vetrovec oder ihr langjähriger Mitspieler Patrick Rothe haben sich gemeldet. Kommen da Erinnerungen hoch?

Sicherlich denkt man an die alten Zeiten zurück und lässt die ganzen Aufstiege Revue passieren. Man neigt auch schnell dazu, Erfolge zu vergleichen. Genau dies sollte man aber eigentlich nicht tun. Jeder Aufstieg war auf seine Weise einzigartig.

Der TV Bittenfeld wird hin und wieder als „TV Schweikardt“ oder „Familienunternehmen“ bezeichnet. Im Erfolgsfall ist das durchaus ein Kompliment. Wenn es nicht so läuft, bietet der „Schweikardt-Clan“ eine prima Angriffsfläche für Kritik. Geht Ihnen das auf die Nerven?

Das nervt tatsächlich, lässt sich aber leider nicht vermeiden. Sicher stehen wir aufgrund unserer Funktionen im medialen Interesse. Aber es gibt so viele Menschen im und um den TVB herum, die hinter den Kulissen mit viel Herzblut und Engagement eine wahnsinnige Arbeit leisten und einen riesigen Anteil am Erfolg haben. Die Familie Schweikardt ist nur ein Teil eines großen Gebildes. Es gibt keinen TV Schweikardt, das wird der Sache einfach nicht gerecht.

Philosophie: Spieler mit Vertrauensvorschuss

Die vergangene Saison war – wieder einmal – geprägt von Höhen und Tiefen. Ärgern Sie sich eigentlich über Kommentare wie „so spielt eine Mannschaft, die nicht aufsteigen will“?

Nein. Wir standen von den Aufstiegskandidaten vielleicht am meisten unter Druck, nachdem wir in der vorigen Saison so knapp gescheitert waren und uns in diesem Jahr einen kleinen Punkte-Vorsprung erarbeitet hatten. Über die Heimniederlagen beispielsweise gegen Hamm oder Bad Schwartau haben wir uns am meisten geärgert, nicht nur die Fans. Spätestens nach der unglücklichen Niederlage gegen Eisenach brachen schwierige Zeiten an. Die haben wir gemeistert und sind deshalb besonders stolz auf das, was wir erreicht haben.

Auffallend war, dass Sie sowohl auf der Erfolgswelle als auch nach Niederlagen meist recht gelassen geblieben sind. War diese Ruhe, zumindest nach außen hin, auch ein Schlüssel des Erfolgs?

Karsten Schäfer und ich haben unsere Spiele in aller Ruhe analysiert. Unsere Devise war, nichts zu ändern, so lange die grundsätzliche Ausrichtung stimmt. Wir waren uns sicher, dass uns diese Herangehensweise auf Dauer in der Spur halten wird.

Wenn es nicht so lief, wurde Ihnen vorgeworfen, sie hielten während eines Spiels zu lange an bestimmten Spielern fest. Ihr Vorgänger und Vater dagegen wechselte schnell und häufig die Formationen.

Wir haben ein Gerüst von Spielern, die sich ein paar mehr Fehler erlauben dürfen als andere und vielleicht einen kleinen Vertrauensvorschuss genießen. Da spielt natürlich auch die Hierarchie im Team eine Rolle. Die Trainer müssen entscheiden, wie lange sie einen Spieler auf dem Feld lassen. Das ist sicher auch eine Frage der Philosophie.

Ein weiterer Kritikpunkt war, dass dem Team Typen fehlten, die in brenzligen Situationen das Herz in die Hand nehmen. Teilen Sie die Ansicht?

Absolut nicht. Gerade die letzten Wochen der Saison haben gezeigt, dass wir genügend Spieler haben, die Verantwortung übernehmen. Falls Sie auf die Niederlage gegen Eisenach ansprechen: Die hatte nichts damit zu tun, dass die Spieler kein Herz hatten. Hin und wieder treffen Spieler falsche Entscheidungen. Wenn wir keine Typen hätten in der Mannschaft, wären wir sicherlich nicht aufgestiegen.

Braucht ein Team überhaupt Führungsspieler oder ist die häufig im Fußball gebräuchliche, sogenannte flache Hierarchie sogar die erfolgversprechendere?

Wir brauchen und haben Führungsspieler, trotzdem ist die Hierarchie beim TVB schon immer flach gewesen – nicht nur in der Mannschaft selbst. Mein Co-Trainer Karsten Schäfer und ich, die Sportliche Leitung, die Betreuer, unser Physiotherapeut Tobias Unfried mit seinem Team und unser Mannschaftsarzt Dr. Merkle verstehen uns als ein Team mit einem gemeinsamen Ziel. Gerade unsere medizinische Abteilung hat einen wesentlichen Beitrag geleistet zum Aufstieg. Simon Baumgarten und Tobias Schimmelbauer waren nach ihren Verletzungen früher einsatzbereit, als wir das erwartet hatten. Ohne diese beiden hätten wir die letzten vier Spiele kaum gewonnen.

Hat Sie das enorme Zuschauerinteresse überrascht? Mit 2250 Fans im Schnitt liegt der TVB auf Rang drei im Ranking.

Nein, das hat mich nicht überrascht. Aber natürlich habe ich mich über den großen Zuspruch gefreut. Besonders darüber, dass die letzten vier Heimspiele ausverkauft waren. Dass wir für die neue Saison bereits 300 Dauerkarten mehr verkauft haben, zeigt, dass der TVB in der Region angenommen wird.

Gegenüber den Konkurrenten um Rang drei hatte der TV Bittenfeld schon früh die deutlich bessere Trefferdifferenz, die letztlich wichtig war. Ist es eine neue Qualität des TVB, souverän gestaltete Spiele bis zum Ende durchzuziehen?

Wir haben in der Saison zuvor gesehen, wie eng es zugehen kann. Deshalb hatten wir das Torverhältnis immer im Hinterkopf.

Während der Saison überraschte der TVB mit der einen oder anderen Personalentscheidung. Mitten in der heißen Phase des Aufstiegskampfes verkündeten Sie, dass die Verträge mit Jürgen Müller und Nils Kretschmer nicht verlängert würden und verpflichteten den Gummersbacher Handball-Rentner Jörg Lützelberger für die restlichen vier Spiele. Schließlich gaben Sie bekannt, sich in der kommenden Saison ausschließlich auf Ihre Tätigkeit als Geschäftsführer konzentrieren zu wollen und präsentierten mit Thomas König einen Nachfolger. Hatten Sie keine Bedenken, dass Ihnen diese Entscheidungen, hätte es mit dem Aufstieg nicht geklappt, vorgehalten würden?

Irgendwann müssen Entscheidungen getroffen werden, manchmal sind sie aus menschlicher Sicht nicht leicht oder nicht besonders populär. Auf der anderen Seite sind wir verantwortlich dafür, den TVB nach bestem Wissen und Gewissen voranzubringen. Grundsätzlich kommunizieren wir Veränderungen, sobald sie spruchreif sind. Da spielt der Zeitpunkt eher eine untergeordnete Rolle. Weil über meinen Nachfolger viel spekuliert worden ist und wir vor dem wichtigen Hüttenberg-Spiel Ruhe haben wollten, gaben wir die Verpflichtung von Thomas König bekannt.

Thomas König erzählte bei seiner Vorstellung, das klare Konzept des TVB habe ihn in den Verhandlungen überzeugt. Wie es genau aussieht, hat er nicht verraten …

Ich denke, er meinte damit, dass sich der TVB in der Region über Jahre hinweg einen Namen gemacht und sich professionell aufgestellt hat, auf ein funktionierendes Team von Ehrenamtlichen zählen kann und die Chance hat, sich weiterzuentwickeln.

Ziel: Mittelfristig in der 1. Liga etablieren

Mit dem Aufstieg in die 1. Liga hat sich der TVB einen großen Traum erfüllt. Damit indes scheint die Mission noch nicht erfüllt. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, lautet die selbstbewusste Devise. Was stimmt Sie so optimistisch, dass Bittenfeld – anders als die meisten Aufsteiger zuvor –, den sofortigen Wiederabstieg verhindern kann? Zuletzt hat Bietigheim kräftig Lehrgeld bezahlen müssen.

Jedem ist bewusst, dass es für uns nur gegen den Abstieg gehen kann. Wir werden vom ersten Spieltag an darum kämpfen, dass wir nicht nur zweimal gegen Kiel spielen dürfen, sondern mehrere Jahre. Der Ligaverbleib wäre sicherlich ein toller Erfolg. Andererseits haben wir das mittelfristige Ziel, uns in der 1. Liga zu etablieren. Da ist auch ein Weg möglich, wie ihn der Bergische HC beschritten hat. Nach dem Wiederabstieg in die 2. Liga ist er gestärkt zurückgekehrt.

Viele glauben dennoch, dass die 1. Liga für den TVB eher Fluch als Segen sein wird. Das Szenario, das beschrieben wird, sieht wie folgt aus: Der TVB kassiert eine Schlappe nach der anderen, die Zuschauer bleiben weg, am Ende steht der sang- und klanglose Abstieg, die Mannschaft fällt auseinander. Der freie Fall in den Amateursport ist programmiert.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir durchgereicht werden. Dafür sind wir zu breit aufgestellt, was die Sponsoren betrifft, aber auch das gesamte Team. Wir wissen, dass die Gefahr des sofortigen Wiederabstiegs besteht. Aber wie gesagt: Unser Konzept ist langfristig ausgelegt und gilt für die erste und zweite Bundesliga.

Bleiben wir kurz bei Bietigheim: Auffallend war, dass die SG in vielen Spielen 30, 40 Minuten gut mithielt und dann einbrach. Ist dies ein Indiz dafür, dass einem Aufsteiger die finanziellen Mittel fehlen, um sich einen breit aufgestellten Kader leisten zu können?

Ich denke, nicht nur ein breiter Kader ist entscheidend, sondern auch die Qualität der Spieler. Die setzt sich oft erst von der 40. Minute an durch. Den Aufsteigern fehlen meist die finanziellen Mittel, um sich entsprechend zu verstärken. Das wird auch für uns eine Mammutaufgabe. Auf der anderen Seite haben wir auch Spieler, die sich weiterentwickeln können.

Mit seinem aktuellen Kader dürfte der TVB kaum erstligatauglich sein. Die Saison hat gezeigt, dass das Team selbst in der 2. Liga die Ausfälle von zwei, drei Stammspielern nicht kompensieren kann. Auf welchen Positionen muss und wird sich Bittenfeld noch verstärken?

Wir mussten ja mit unseren Verhandlungen mehr oder weniger warten bis nach dem Spiel in Hüttenberg. Die eine oder andere Verstärkung wird es sicher noch geben – im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten. Wir werden wie immer nichts überstürzen und mit der nötigen Ruhe vorgehen.

Aufgestiegen ist der TVB mit einem Etat von etwa 1,5 Millionen Euro. Wie viel satteln die Sponsoren für die 1. Liga drauf?

Etwa 500 000 Euro kommen dazu. Je nachdem, wie sich die Zuschauerzahlen entwickeln, können wir vielleicht noch ein bisschen nachlegen.

Bei der Verpflichtung von Spielern ist der TV Bittenfeld in der Vergangenheit stets akribisch vorgegangen. Die Neuen mussten nicht nur qualitativ, sondern auch charakterlich ins Team passen. Muss sich der TVB in der stärksten Handball-Liga der Welt von seiner Strategie verabschieden?

Wir müssen in erster Linie die Qualität des Kaders verbessern. Die Spieler sollten eine Perspektive haben und menschlich zu uns passen. Allerdings lernt man einen Spieler meist erst nach einer gewissen Zeit richtig kennen. Und es gehört ein bisschen Glück dazu, den Richtigen zu finden. Weil wir recht spät dran sind und die deutschen Spieler meist schon unter Vertrag sind, kann’s gut sein, dass wir uns im Ausland bedienen werden. Es ist aber nicht so wichtig, woher die Spieler kommen. Der Charakter muss passen. Unser Paradebeispiel ist Ludek Drobek. Bei seiner Verpflichtung damals hieß es, wir holten einen alten Tschechen. Heute ist Ludek durch und durch Bittenfelder.

Der TVB rühmt sich damit, Spieler aus der Region in seinen Reihen zu haben. Glauben Sie nicht, dass für diese Spieler die 1. Liga eine Nummer zu groß ist?

Wir haben neun Spieler aus der eigenen Jugend und der Region im Kader. Einige werden den Sprung in die 1. Liga schaffen, andere stoßen vermutlich an ihre Grenzen.

Welche Veränderungen bringt der Aufstieg im Umfeld mit sich? Braucht die Handball GmbH zusätzliche hauptamtliche Kräfte?

Kurzfristig haben wir hier keine hauptamtlichen Verstärkungen geplant. Wir versuchen, die 1. Liga mit unserem aktuellen Team zu stemmen. Wir setzen weiterhin auf unsere vielen Ehrenamtlichen, die mit viel Leidenschaft bei der Sache sind. Sollten wir damit nicht klarkommen, werden wir uns Gedanken machen.

Das große Plus des TVB war in den vergangenen Spielzeiten das Konzept der zwei Spielstätten. Zuletzt buchten Sie für zwei Partien pro Saison die große Porsche-Arena. Wie viele Spiele sind dort in der 1. Liga geplant?

Ziel ist es, sechs bis zwölf Spiele pro Saison in der Porsche-Arena auszutragen. Konkretes gibt’s jedoch noch nicht. Es kommt auch darauf an, ob wir das Gefühl haben, die Halle gegen diesen oder jenen Gegner gefüllt zu bekommen. Es zeichnet sich aber jetzt schon ab, dass wir das eine oder andere Kracherspiel nicht in die Porsche-Arena kriegen, weil sie durch andere Veranstaltungen blockiert sein wird.

In der vergangenen Saison trug der TVB seine Heimspiele meist freitags aus. Soll das so bleiben?

Wir würden gerne weiterhin freitags spielen, weil sich dieser Tag bewährt hat. Das hängt aber auch von der Hallenbelegung und vom Gegner ab.

Potenzial: Viele Fans im Großraum Stuttgart

Nach Hamburg, Hannover und Berlin ist Stuttgart die einzige Stadt der Republik, die in den beiden populärsten Sportarten mit einem Erstligisten vertreten ist. Wie fühlt sich das an?

Das war mir so noch gar nicht bewusst. Aber das fühlt sich in der Tat gut an.

Wie viel Handball-Potenzial hat Stuttgart im Schatten des VfB Stuttgart?

Der VfB übertrifft natürlich alles, er ist Stuttgarts liebstes Kind. Das ist auch in Ordnung so. Wir müssen schauen, dass wir uns so gut wie möglich etablieren. Basis sind unsere Fans in Bittenfeld und im Rems-Murr-Kreis. Für die Weiterentwicklung brauchen wir aber auch die Fans aus Stuttgart und in den angrenzenden Landkreisen. Da gibt es sicher noch Potenzial.

Hätte der TVB von einem Abstieg des VfB nicht profitiert, beispielsweise, was die Sponsorengewinnung angeht?

Wir dürfen uns wie gesagt nicht mit dem VfB vergleichen, er hat ganz andere Möglichkeiten und ist für uns keine Konkurrenz. Jeder Verein versucht, sich bestmöglich aufzustellen. Da kommt’s nicht so sehr darauf an, wer in welcher Liga spielt.

Zuletzt ist es ja in Mode gekommen, sich einen Leitsatz an die Brust du heften, der VfB spielte unter dem Motto „furchtlos und treu“. Der TVB könnte mit dem VfB in der nächsten Saison doch gemeinsame Sache machen. Wie wär’s zum Beispiel damit: „Erschte Liga – do semmr ond do bleibed mir!“

Naja, wir haben keinen solchen Spruch. Aber mit diesem Motto könnten wir uns sehr gut anfreunden. Und wenn wir es über die Saison hinaus beibehalten könnten, wären wir natürlich sehr zufrieden.

Es bleibt nicht mehr viel Zeit zum Durchschnaufen. Wann startet das Training wieder?

Mitte August beginnt die neue Saison bereits, am 7. Juli starten wir mit der Vorbereitung. Die Pause ist sehr kurz und meiner Meinung nach grenzwertig. Eine längere Regenerationszeit wäre wichtig. Für den Körper und für den Kopf.