Das Aufstiegsdorf im Ausnahmezustand

Ob der TV Bittenfeld tatsächlich erstligatauglich ist, wird sich erst in gut zwei Monaten zeigen. In der Disziplin „Feiern“ indes spielt der Aufsteiger bereits in der Champions-League. Nach dem finalen Saisonspiel in Essen am Sonntag war mancher Spieler noch unterwegs, als sich die Bäcker schon ihre zweite Pause gönnten. Von Müdigkeit war gestern Nachmittag allerdings nicht viel zu spüren: Bevor sie sich zum offiziellen Empfang der Stadt Waiblingen ins Rathaus aufmachten, trafen sich die Spieler, Trainer und Betreuer zur „Lagebesprechung“ in der Café-Bar Sachsenheimer.

Die letzten 20 Meter zum Rathaus nahmen die Bittenfelder standesgemäß im vor der St. Nikolaus-Kirche geparkten Mannschaftsbus in Angriff – wie immer bei einem „Auswärtsspiel“. Unter dem Jubel einer kleinen Gruppe junger Handballer betrat die Delegation um 17 Uhr die heiligen Hallen der Kreisstadt und lauschte brav den lobenden Worten von Oberbürgermeister Andreas Hesky.

Das heißt, einem ging’s dann doch ein bisschen zu langsam: Bevor sich der OB ordentlich am Mikrofon platziert hatte, schnappte sich Martin Kienzle eine Sektflasche. Der Rathaus-Chef nahm diese voreilige Tat ebenso mit Humor wie die leise, freilich nicht ganz ernst gemeinte Kritik aus den Reihen der Spieler, wo denn hier bitteschön der Balkon sei. „Ich verspreche Ihnen, dass wir einen Balkon haben werden, wenn der TVB Deutscher Meister ist“, sagte Hesky.

Für den Empfang hatte sich der OB passend gekleidet: Mit Anzug und der entsprechenden „Amtskette“ – dem TVB-Fan-Schaal. Und nicht nur das: Unter dem Beifall der Spieler knöpfte Hesky sein Oberhemd auf und präsentierte sein tags zuvor in Essen erworbenes Aufstiegs-T-Shirt mit den Worten: „Sehen Sie, in jedem steckt ein Wild Boy.“

Der Oberbürgermeister von Bittenfeld

Mit „Begeisterung“ blicke er auf die lange Erfolgsgeschichte des TVB zurück, in der sich der Verein mit „Zähigkeit, Hartnäckigkeit, Strategie, hoher Professionalität und viel Geschick“ diesen großartigen Aufstieg erarbeitet habe. Trotz der großen Erfolge sei der TV Bittenfeld nie abgehoben und habe es geschafft, seine Identität zu bewahren. Dass sich die Bittenfelder bisweilen immer noch als Bittenfelder und nicht als Waiblinger bezeichnen, damit kann Hesky offensichtlich leben. Er erinnere sich noch sehr gut daran, als er die Bittenfelder im Jahr 2006 nach Altensteig begleitete, wo sie den Aufstieg in die 2. Liga perfekt machten. „Dort wurde ich als Oberbürgermeister von Bittenfeld begrüßt.“

Die Stadt Waiblingen werde den Verein immer unterstützen, der TV Bittenfeld sei schließlich sein Aushängeschild. Einen Wunsch hatte der OB allerdings noch: „Der TVB versteht es ja immer wieder, in der Saison eine gewisse Dramaturgie aufzubauen. Ich wäre aber dankbar, wenn er künftig nicht immer so ein Herzschlagfinale bieten würde.“

Mit dem Empfang im Rathaus war der offizielle Teil der montäglichen Feierlichkeiten beendet. Was sich hernach in Bittenfeld abspielte, dürfte für eine Weile kaum zu toppen sein. Die Feuerwehr hatte diverse Straßen bereits gesperrt, als die Bittenfelder ihrem Mannschaftsbus am Ortseingang entstiegen und auf den Anhänger eines mit Bittenfelder Fahnen geschmückten Traktors kletterten – in einer dem feucht-fröhlichen Anlass entsprechenden Garderobe: Die königsblauen Einteiler, inklusive kompletter Spiderman-Kopfbedeckung, erinnerten manche unter der Fans an einen Taucheranzug. Andere fragten sich, wo sich die Spieler denn dieses Ganzkörper-Kondom besorgt hätten. Um dieses Utensil handelte sich natürlich nicht, die Aufsteiger hatten sich bei ihrem Maskottchen bedient: So sieht Johnny Blue nämlich ohne Ball aus.

Eine knappe halbe Stunde benötige der Konvoi bis zu seinem Ziel, dem Vereinsheim. Binnen kurzer Zeit hatte sich eine stattliche Menschenmenge gebildet. Der halbe Ort war auf den Beinen, stand am Straßenrand Spalier oder winkte von den Balkonen aus. Eine Drohne hielt diesen ganz besonderen Tag in der Bittenfelder Geschichte mit der Kamera fest.

Je näher sich der Zug dem Vereinsheim näherte, desto lauter wurde der Jubel. Dem einen oder anderen Spieler versagte zu diesem recht frühen Fest-Zeitpunkt bereits die Stimme. Die ganz cleveren Fans hatten sich derweil einen Platz im Festzelt gesichert, das längst nicht alle Besucher aufnehmen konnte. Denen schien das ganz gleich zu sein, die Stimmung war prächtig. Dafür sorgte auch einer, der irgendwie auch zum Aufstiegs-Team gehörte: Der ehemalige Bittenfelder Torhüter Felix „Fuzzy“ Schmidl übernahm den Job als Discjockey.

Besonders laut wurde es, als der Moderator Jens Zimmermann die Fans mit folgendem Satz begrüßte: „Der Traum 2015 ist wahr geworden: Der TVB ist in der 1. Bundesliga.“

Dort wird, wie vergangene Nacht am Vereinsheim, enormes Durchhaltevermögen gefragt sein. Sollten die Bittenfelder tatsächlich den Ligaverbleib schaffen, steht ihnen die nächste Mammutaufgabe ins Haus: Die Nichtabstiegsfeier muss die Aufstiegsfeier in den Schatten stellen.