Vom Timmendorfer Strand ins Bittenfelder Freibad

Rund 700 Kilometer liegen zwischen dem Timmendorfer Strand und Bittenfeld. Mit dem Wechsel von der Ostsee in den Süden der Republik musste Finn Kretschmer auch andere Distanzen überwinden: Für den 20-Jährigen war’s mehr oder weniger eine Reise ins Ausland. Er erinnert sich an die erste Begegnung mit einigen Ur-Bittenfeldern. „Ich wurde gleich ins kalte Wasser geworfen“, sagt er. Zur Besprechung hatte ihn der Trainer Jürgen Schweikardt ins TVB-Vereinsheim bestellt. Da saß Kretschmer nun, lauschte – und verstand so gut wie kein Wort. „Ich habe mir aber nichts anmerken lassen“, sagt er und lacht. Inzwischen komme er mit dem Dialekt ganz gut klar – „so lange die Leute nicht schnell sprechen“.

Auf der Suche nach einem Nachfolger für den scheidenden Rechtsaußen Peter Jungwirth war den Verantwortlichen des TV Bittenfeld ein Talent aus dem hohen Norden aufgefallen, das aus einer Handballerfamilie kommt: Finn Kretschmers Vater Holger spielte unter anderem in der Bundesliga für den VfL Bad Schwartau und GWD Minden, der ältere Bruder Nils steht aktuell im Kader des Bittenfelder Konkurrenten TV Großwallstadt.

In Bittenfeld steht der Handball ganz klar an erster Stelle

Holger Kretschmer und der Sportliche Leiter des TVB, Günter Schweikardt, kannten sich vom gemeinsamen A-Lizenz-Lehrgang. Für die Kontaktaufnahme war dies sicher kein Nachteil. „Die Entscheidung zum Wechsel habe ich aber alleine getroffen“, sagt Finn Kretschmer.

Nach einem Jahr in der A-Jugend des VfL Bad Schwartau spielte der 20-Jährige in der Saison 2012/13 zunächst in der zweiten Mannschaft, bekam aber auch bereits Einsatzzeiten im Zweitligateam. In der vergangenen Spielzeit avancierte er zum Stammspieler. „HL-Sports – Sportnachrichten für die Region Lübeck“ lobte den Neu-Bittenfelder in der Einzelkritik am Ende der Saison: „Der jüngere der beiden Kretschmer-Brüder spielte auf hohem Niveau. Treffsicher von außen und pfeilschnell beim Gegenstoß, spielte Finn Kretschmer seine bisher beste Saison im Herren-Bereich. Leider verlässt er den Verein und wechselt nach Bittenfeld.“

Der eine oder andere habe seinen Entschluss nicht verstanden, sagt Finn Kretschmer. Wo es doch so gut lief. Obwohl er sich wohlgefühlt habe in Bad Schwartau, habe er sich dazu entschlossen, „den nächsten Schritt“ zu machen. „Die Chancen, in die 1. Liga aufzusteigen, sind in Bittenfeld größer als in Bad Schwartau.“ Der TVB arbeite „absolut professionell“, der Handball stehe ganz klar an erster Stelle – „und das gefällt mir“.

Weil sich Finn Kretschmer zunächst ausschließlich auf den Sport konzentrieren möchte, hat er seine beruflichen Planungen zurückgestellt. Nicht ganz allerdings: Verschiedene Praktika, derzeit arbeitet er 15 Stunden in der Woche in einer Werbeagentur, sollen ihm als Orientierungshilfe dienen. „Ich möchte nicht einfach drauflosstudieren.“

Genaue Vorstellungen indes hat er, wo der sportliche Weg hinführen soll. „Ich denke, wir haben eine sehr gute Mannschaft und können vorne mitspielen.“ Wer hohe Ziele hat, der muss hart arbeiten. Das hat Finn Kretschmer in der Vorbereitung zu spüren bekommen. „Die war schon anstrengend mit bis zu zweimal zwei Stunden Training am Tag.“ Enorm wichtig ist ihm die körperliche Fitness, er brauche das Gefühl, in der Schlussphase eines Spiels zulegen zu können.

Apropos zulegen: „Mir fehlt’s noch etwas an Körpermasse“, sagt er. 86 Kilogramm bringt der 1,93 Meter große Linkshänder auf die Waage, „92 wären nicht schlecht“. Bei einem Rechtsaußen ist die Masse zwar weniger entscheidend, doch Kretschmer muss auch in der Abwehr seinen Mann stehen. Zudem kann er im Angriff auch im Rückraum spielen, was für den TVB eine zusätzliche Option bedeutet.

Noch wichtiger als das Verhältnis Größe/Gewicht ist die Verständigung mit den Mitspielern. Neben und auf dem Platz sei dies von Anfang an kein Problem gewesen. „Ich bin super aufgenommen worden“, sagt er. „Wir unternehmen viel gemeinsam.“ Kretschmer ist überzeugt davon, dass die gute Stimmung im Team die letzten paar Prozent ausmachen kann. „Im Unterbewusstsein macht man für einen Freund vielleicht doch einen Schritt mehr als für den Kollegen.“ Beim TVB seien die Voraussetzungen diesbezüglich bestens.

Ein harmonisches Miteinander bringt jedoch noch keine Punkte, das weiß auch Kretschmer. Die Abläufe auf dem Spielfeld müssen stimmen. Der wichtigste Spieler an seiner Seite ist dabei Lars Friedrich im rechten Rückraum. „Frieda ist in erster Linie zuständig dafür, mich in Wurfposition zu bringen.“ Das Zusammenspiel habe auf Anhieb gut geklappt, an der Feinabstimmung und an der Wurfflexibilität müsse noch ein bisschen gearbeitet werden.

Mit Finn Kretschmer (20) und Michael Seiz (21) verfügt der TVB über ein sehr junges Duo auf der rechten Außenbahn. Kretschmer sieht darin allerdings keinen Nachteil. „Klar gibt ein Routinier mehr Sicherheit“, sagt er. „Aber Micha und ich wissen auch, wie man Handball spielt. Und wir ergänzen uns gut.“ Wichtig sei am Ende, dass die Wurfquote stimme. „Sonst bekomme ich Ärger.“

Asyl bei Ludek Drobek

Sportlich scheint also alles im Lot, auch privat ist Finn Kretschmer ein Stück vorangekommen: Vor ein paar Tagen hat er seine Wohnung in Hegnach bezogen. Bis diese frei war, hat ihm der Ex-Spieler und -Publikumsliebling Ludek Drobek („Er ist wirklich ein guter Typ“) vorübergehend bei sich in Bittenfeld Asyl gewährt.

Fehlt zum vollkommenen Glück eigentlich nur noch die Freundin. Die Rechtsanwaltsgehilfin wohnt noch in der Heimat. Sie möchte gerne zu ihrem Freund in den Süden ziehen – vorausgesetzt, sie findet eine entsprechende Stelle.

Die Freundin vermisst er, die Ostsee weniger. „Hier gibt’s ja auch Freibäder, selbst in Bittenfeld.“ Demnächst wird sich Finn Kretschmer womöglich noch heimischer fühlen, wenn er seinem Hobby frönen darf: Er spielt leidenschaftlich gerne Golf. „Mal sehen, vielleicht werde ich irgendwo Mitglied.“

Finn Kretschmer teilt seine zweite Leidenschaft übrigens mit seinem Bruder Nils. Weil Großwallstadt und Bittenfeld nur rund zwei Autostunden auseinanderliegen, steigen die Chancen auf eine gemeinsame Runde. Der Neu-Bittenfelder hätte sicher nichts dagegen, wenn sich sein Bruder auf dem Golfplatz revanchieren würde – für zwei Niederlagen des TV Großwallstadt gegen den TV Bittenfeld.

Bisherige Stationen

Finn Kretschmer wurde am 2. Juni 1994 in Lübeck geboren. Er ist 1,93 Meter groß und wiegt 86 Kilogramm.

Er wohnte zuletzt am Timmendorfer Strand, Ortsteil Hemmelsdorf. Am Gymnasium machte er 2013 die Fachhochschulreife.

In der Jugend spielte der Linkshänder beim NTSV Strand 08, von 2009 bis 2010 beim SC Magdeburg. Anschließend wechselte er zum VfL Bad Schwartau.

Sein Vater Holger spielte in der 1. Liga unter anderem beim VfL Bad Schwartau und GWD Minden. Der Bruder Nils spielt aktuell beim Bittenfelder Liga-Konkurrenten TV Großwallstadt.