„Dann nennen wir die 2. Liga eben Phrasenliga“

Irgendwie ähnelten sich die Aussagen der Spieler und Verantwortlichen nach der Auftaktpartie in der Stuttgarter Scharrena. Wie denn der Sieg gegen Hüttenberg einzuschätzen sei, wollte ein Journalist nach dem Spiel von den Bittenfeldern Alexander Heib und Lars Friedrich wissen. „Wir waren noch nicht hundertprozentig bei der Sache, aber fürs erste Spiel war’s ganz gut“, sagte der Spielmacher. Friedrich lobte den „starken Gegner“, aber auch die eigene Mannschaft. „Wir haben gekämpft wie die Löwen.“ Angesprochen auf die Chancen des TVB in dieser Saison, waren sich die beiden einig. „Wir denken nur von Spiel zu Spiel“, erklärten sie unisono.

Ähnlich äußerte sich der Bittenfelder Trainer bei der Pressekonferenz nach dem Spiel – wohl wissend, dass er den einen oder anderen Gähner im Publikum provozieren könnte. Er wolle nicht ans nächste Heimspiel oder übernächste Auswärtsspiel denken, sagte Jürgen Schweikardt. „Ich weiß, dass ich jetzt etwas ins Phrasenschwein werfen müsste, wenn eines dastehen würde.“ Er beschäftige sich aber aktuell ausschließlich mit dem kommenden Spiel in Altenholz. „Dann sehen wir weiter.“

Ausschließlich Heimsiege am ersten Spieltag

Die Stärke der Mannschaften einzuschätzen oder gar Favoriten zu benennen, sei extrem schwierig bis unmöglich. Die Liga werde äußerst ausgeglichen sein. Wieder Sätze fürs Phrasenschwein. Das weiß der Coach. „Dann nennen wir sie halt dieses Jahr die Phrasenliga.“

Froh war Schweikardt zunächst einmal, dass sein Team die Nervosität – wenn auch recht spät – in den Griff bekommen hat, die vor jedem ersten Spiel besonders groß sei. „Dass man die Heimspiele gewinnen sollte, ist klar. Hüttenberg konnte lockerer aufspielen.“ Bei sämtlichen zehn Spielen des ersten Spieltags behielt der Gastgeber die Punkte.

Die Anspannung sei in der Kabine vor dem Spiel deutlich zu spüren gewesen, sagt der Trainer. Jeder habe es besonders gut machen wollen, was zu einer „gewissen Verkrampfung“ geführt habe. „Vor allem, weil es relativ lange remis stand. Da kommt keine Sicherheit ins Spiel.“ Zwölf Minuten vor dem Ende erzielte der starke Daniel Wernig das 22:22 für den TV Hüttenberg, und die Bittenfelder mussten bangen.

Ein glückliches Händchen bewies Schweikardt, als er Daniel Sdunek für Jürgen Müller aufs Feld schickte. Der Keeper parierte ein paarmal fantastisch. „Das war ganz wichtig“, sagt Schweikardt. Für dessen Trainerkollegen war der Torhüterwechsel entscheidend für den Spielausgang. „Der Sieg für Bittenfeld war letztlich verdient, weil uns drei, vier Fehler zu viel unterlaufen sind“, sagte Heiko Karrer.

Nicht nur Sduneks Paraden indes brachten dem TVB die Punkte. Ganz wichtig war, dass die angeschlagenen Spieler nicht nur einsatzfähig waren, sondern auch zu den auffälligsten Akteuren gehörten. Dennis Szczesny hatte im Angriff auf Halblinks sehr gute Szenen. Peter Jungwirth, der nach seiner Rückenverletzung zunächst noch geschont wurde, erzielte wichtige Treffer.

Am unsichersten war der Einsatz von Florian Schöbinger. Der Allrounder stieg nach seiner Fußverletzung aus dem Horkheim-Spiel erst wieder am Donnerstag ins Training ein. Vorne teilte er sich den Kreisläufer-Part mit Simon Baumgarten. Sehr zur Zufriedenheit seines Trainers. „Wir haben schon in der Vorbereitung so gespielt, das hat wieder prima funktioniert.“ In der Defensive gehörte Schöbinger zusammen mit Dominik Weiß zu den Stützen.

Djibril M’Bengue indes muss auf sein Punktspiel-Debüt noch warten. Das Spiel am Freitag verfolgte der Linkshänder, der in der Vorbereitung einen guten Eindruck hinterließ, von der Bank aus. „Das Spiel stand lange Spitz auf Knopf“, so Schweikardt. „Ich denke, da hätten wir Djibril keinen Gefallen getan.“

Nicht in allen Spielen des ersten Spieltags ging’s so eng zu wie in Stuttgart. Dass TUSEM Essen die hoch gehandelte TSG Friesenheim mit 30:21 in die Schranken gewiesen hat, überraschte Schweikardt. Die SG Leutershausen, in der vergangenen Saison beinahe abgestiegen, deklassierte den Aufsteiger HSG Tarp-Wanderup mit 36:25.

Dagegen schrammte der zweite Aufsteiger, der TSV Altenholz, beim 30:31 in Saarlouis knapp an einer Überraschung vorbei. Sechs Minuten vor dem Ende hatte der erste Auswärtsgegner der Bittenfelder noch mit 28:27 geführt – wie fast im gesamten Spiel. „Natürlich wissen wir, was uns in Altenholz erwartet“, sagt Jürgen Schweikardt. „Das ist kein Gegner, den wir im Vorübergehen schlagen können.“ Sollten die Bittenfelder erfolgreich aus dem hohen Norden zurückkehren, dürfte die Scharrena gegen Hildesheim am 13. September noch besser besetzt sein als am Freitag mit 1552 Fans. „Das war schon sehr gut, schließlich sind noch Ferien“, sagt Schweikardt.

15-Jahres-Vertrag mit der Stadt Stuttgart

Der Zuspruch und die tolle Stimmung in der Halle zeigen, dass die Entscheidung pro Stuttgart offensichtlich die richtige war. Deshalb hat der TVB nun die längerfristige Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart fixiert und sich vertraglich gebunden, seine Heimspiele in den nächsten 15 Jahren in der Landeshauptstadt auszutragen.

„Wir brauchen eine Planungssicherheit, ebenso unsere Sponsoren“, sagt der Trainer und Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. „Es ist schon ein Bekenntnis zu Stuttgart. Wir sehen dort unsere langfristige Zukunft.“ Die Stadt Waiblingen sei im Übrigen in die Entscheidung involviert gewesen. Der TVB sieht sich damit für die nächsten Jahre gewappnet: Sollte er tatsächlich irgendwann den Aufstieg in die 1. Liga schaffen, hätte er die strukturellen Voraussetzungen bereits geschaffen. Auch auf den Misserfolgsfall ist der TVB vorbereitet: Bei einem Abstieg in die 3. Liga kann er von der Ausstiegsklausel Gebrauch machen und den Spielbetrieb wieder in der Bittenfelder Gemeindehalle abwickeln.

Und was passiert, wenn die Stadt Waiblingen irgendwann doch eine bundesligataugliche Halle hinstellen sollte? „Darüber machen wir uns aktuell keine Gedanken“, sagt Schweikardt. „Die Verantwortlichen der Stadt wissen aber, dass wir gesprächsbereit sind, sollte in Waiblingen eine neue Situation entstehen.“

Unendlich weit übrigens geht die Liebe der Bittenfelder zu Stuttgart nicht, so wird der TV Bittenfeld seinen Vereinsnamen behalten. „Wir wollen unsere Identifikation nicht verlieren“, sagt Schweikardt.