„Bloß nicht überdrehen“

So richtig glauben mochte es Djibril M’Bengue nicht, als ihn Günter Schweikardt Ende vergangenen Jahres zu einem Probetraining einlud – an Heiligabend, ausgerechnet in der respekteinflößenden Porsche-Arena. Dort absolvierte der TVB sein Abschlusstraining vor der Partie gegen Leipzig am zweiten Weihnachtsfeiertag. „Da war ich schon perplex“, sagt der 21-Jährige. „Es war alles ein bisschen unwirklich.“

Vom Fußball zum Handball

Der wurfgewaltige und körperlich starke Linkshänder hat offensichtlich einen guten Eindruck hinterlassen beim ersten Date. Trotzdem hat’s noch ein paar Wochen gedauert, bis der TV Bittenfeld und Djibril M’Bengue zueinanderfanden. Linkshänder im Rückraum sind nun einmal gefragt, und so streckte auch der Bittenfelder Ligakonkurrent SG BBM Bietigheim seine Fühler aus. „Letztlich hat mich das Projekt in Bittenfeld aber mehr überzeugt“, sagt M’Bengue.

Geboren wurde der Sohn eines Senegalesen und einer Deutschen in Schorndorf. Klein-Djibril spielte zunächst in Urbach Fußball bei den Bambini und in der F-Jugend. Weil einige Kumpels aus seiner Schulklasse zum Handball gingen, wechselte auch er die Sportart. „Handball hat mir besser gefallen.“

Der TSB Schwäbisch Gmünd erkannte das Talent des Linkshänders und holte ihn im zweiten A-Jugend-Jahr von der HSK Urbach/Plüderhausen. Ein bisschen ungewöhnlich war das schon, schließlich hatte Djibril M’Bengue nie in die Auswahl geschafft. „Ein kleiner Verein steht eben nicht so im Fokus“, sagt er und grinst. „Außerdem war ich, sagen wir mal, etwas korpulent.“ Davon indes ist heute nichts mehr zu sehen. „Ich bin eben zum Glück auch noch nach oben gewachsen.“ Der Gang ins Fitness-Studio tat ein übriges. Heute misst er stattliche 1,96 Meter und wirkt bei etwas über 100 Kilo ziemlich durchtrainiert.

Glücksfall für das Talent: Trainer Michael Hieber

Die A-Jugend des TSB Schwäbisch Gmünd spielte zwar damals lediglich in der Bezirksliga, doch für M’Bengue schien das nicht von Nachteil zu sein. Über das zweite Männerteam der TSB empfahl er sich für die erste Mannschaft. Die spielte, zunächst unter dem Trainer Ralf Rascher, immerhin in der Württembergliga. „Das war schon ein großer Schritt für mich“, sagt M’Bengue.

Nach Raschers Rücktritt übernahm Michael Hieber die Verantwortung – ein Glücksfall für das Talent. Mit dem Trainer sei er „super“ ausgekommen, Hieber habe ihn immer gefördert und ihn in seinem Entschluss gestärkt, den Sprung in die 2. Liga zu wagen. Als gutes Beispiel dient M’Bengue dabei Dominik Weiß. Er schaffte vor ein paar Jahren den Sprung aus der Landesliga, von der SG Schorndorf, in die 2. Liga. „Michael Hieber hat gesagt, dass er mir das auch zutraut.“

In der Württembergliga verbreitete M’Bengue in der vergangenen Saison Angst und Schrecken. Viele Gegner wussten sich nur mit einer kurzen Deckung zu helfen gegen den Shooter. Auch der VfL Waiblingen scheiterte mehr oder weniger am Gmünder Halbrechten, der den VfL beim 35:33-Sieg quasi im Alleingang erledigte. Heiko Burmeister, der M’Bengue aus der Jugend kannte, brachte ihn beim TVB ins Gespräch. Der war mit Linkshändern im rechten Rückraum nicht eben gesegnet. „Ich war extrem aufgeregt beim Probetraining“, sagt M’Bengue. „Aber alle waren sehr freundlich und haben mich super aufgenommen.“

Selbst fertig werden musste der Neue mit den Trainingsumfängen und -intensitäten, die logischerweise nicht mit denen der vergangenen Saison zu vergleichen waren. „Die erste Woche war schon hart“, sagt er. „Da sind wir eigentlich nur gelaufen, und ich bin eigentlich kein Läufertyp.“ Unterm Strich habe er die Einheiten aber besser verkraftet als erwartet – wobei ihm vor allem die durchweg größere Geschwindigkeit noch zu schaffen macht. In aller Ruhe über den Abwehrblock zu werfen, das sei nun eben nicht mehr drin. Auch die Torhüter in der 2. Liga ließen sich längst nicht mehr so leicht düpieren.

Was auf ihn zukommt, hat M’Bengue kürzlich beim hochkarätig besetzten Kempa-Cup gemerkt. „Die Spieler kannte ich ja nur aus dem Fernsehen“, sagt er. „In der Realität sind die viel größer und breiter.“ Dass er in diesen Spielen phasenweise ganz gut mithielt, sei eine wichtige Erkenntnis gewesen. „Aber natürlich muss man aufpassen, dass man im Spiel nicht überdreht und zu viel will.“

Langsam herantasten an die 2. Liga möchte sich Djibril M’Bengue in seinem ersten Jahr beim TVB. Und möglichst viel lernen von Lars Friedrich, den er hier und da entlasten soll. „Lars ist nicht nur ein sehr guter Spieler, sondern auch ein sehr guter Mensch.“

M’Bengues Konzentration gilt in dieser Saison ausschließlich dem Handball. Nach dem Abitur absolvierte er in Schwäbisch Gmünd ein Freiwilliges Soziales Jahr, das vor ein paar Wochen zu Ende gegangen ist. Nun möchte er sich in aller Ruhe über sein Studium Gedanken machen.

Ausreichend Spielpraxis wird M’Bengue auf alle Fälle haben: Er wurde mit Zweifachspielrecht bei seinem ehemaligen Verein ausgestattet. Dabei wird er aber weder die Waiblinger ärgern, noch in die Not kommen, gegen das Perspektivteam des TV Bittenfeld spielen zu müssen: Die Gmünder sind in die andere Württembergliga-Staffel eingeteilt worden.