Kein Rheinländer, sondern ein Niederrheiner

Fünf Sekunden sind’s noch bis zur Schlusssirene in der Stuttgarter Scharrena. Es steht 26:23 für den TV Bittenfeld im Spiel gegen die HSG Nordhorn-Lingen. Dennis Szczesny schnappt sich den Abwurf von TVB-Keeper Jürgen Müller, prellt den Ball einmal, stürmt mit drei riesigen Schritten aufs Gästetor zu und hämmert den Ball zum 27:23 in die Maschen. Ein an sich bedeutungsloser Treffer – nicht indes für Dennis Szczesny. „Ich wollte dieses Tor unbedingt machen“, sagt der 18-Jährige.

Eine Sportart für den kleinen Rabauken

Diese Aktion dürfte Günter Schweikardt gefallen haben. Willensstarke, entschlossene Spieler sieht der Bittenfelder Trainer gerne in seinem Team. Mit Einsatz alleine indes dürfte es Szczesny nicht bereits mit 17 Jahren bis in die erste Liga und zum Junioren-Nationalspieler gebracht haben. Von Szczesnys großem Potenzial ist Schweikardt schon länger überzeugt, sonst hätte er ihn nicht Mitte April nach Bittenfeld gelotst.

Umtriebig war der Sohn eines Polen und einer Türkin offensichtlich bereits im Vorschulalter. „Die Kindergärtnerin hat meinen Eltern geraten, sie sollten etwas für mich suchen, wo ich mich austoben könnte“, sagt er und grinst. „Ich soll ein kleiner Rabauke gewesen sein.“ Eigentlich wollten ihn seine Eltern zur Leichtathletik schicken. Als Klein-Dennis eines Tages im Training auftauchte, war dieses bereits beendet. Im Anschluss trainierten die jungen Handballer. „Dann hab’ ich eben da mitgemacht, das hat mir auch gleich ganz gut gefallen.“

Mit zwölf Jahren wurde es Dennis Szczesny beim TV Jahn Hiesfeld „ein bisschen langweilig“ – was indes nicht am Verein lag. „Ich wollte einfach mehr trainieren.“ Diese Möglichkeit gab’s in Recklinghausen, die halbstündige Zugfahrt nahm Szczesny gerne in Kauf. Schließlich hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits einen großen Traum. „Ich wollte es so weit wie möglich bringen im Handball.“ Seine Eltern hätten ihn dabei stets unterstützt. „Voraussetzung war immer, dass es mit der Schule gut klappt.“

Nach einem Sichtungstraining des Deutschen Handball-Bundes interessierten sich der TSV GWD Minden und der TSV Bayer Dormagen für den damals 15-Jährigen. Der entschied sich für den Werksclub und zog ins vereinseigene Internat für Handballer, Fechter, Ringer und Leichtathleten. Unter dem ehemaligen französischen Nationalspieler Pascal Mahé, damals Nachwuchstrainer bei Bayer, lernte Szczesny schnell dazu. Dabei profitierte er bereits von seiner körperlichen Überlegenheit. „Ich war schon immer ein bisschen größer und breiter.“ Heute ist Szczesny 1,96 Meter groß und wiegt über 100 Kilogramm. „Das liegt in der Familie“, sagt er. „Mein Vater ist auch ein richtiger Bär.“

Dormagener Insolvenz kein Nachteil für den Youngster

Bärig ging’s auch weiter für den Jungspund. 2010 trainierte er unter Kai Wandschneider in der Erstligamannschaft von Bayer Dormagen mit. In den Relegationsspielen gegen den Abstieg aus der ersten Liga wollte ihn der Coach schon einsetzen, doch Szczesny durfte nicht. „Der Trainer wusste gar nicht, dass ich erst 16 war.“ Damals war ein Spieler erst nach seinem 17. Geburtstag in der Bundesliga spielberechtigt.

Szczesny sammelte Spielpraxis in der zweiten Mannschaft, die in der Oberliga spielte, und in der A-Jugend-Regionalliga. Als die Nachricht von der Insolvenz der Dormagener die Runde machte, schlug die Stunde des Youngsters. Einige Spieler waren verletzt, „ein paar hatten keinen richtigen Bock mehr“. Also nahm ihn Wandschneider mit zum Auswärtsspiel bei den Füchsen Berlin. „Ich war richtig heiß, saß aber bis zwei Minuten vor dem Ende auf der Bank.“ Dann gab ihm der Trainer doch noch das Zeichen – und im ersten Angriff machte Szczesny gleich ein Tor. „Das war geil, ich habe mich gefreut, als hätte ich die WM gewonnen.“

Ein Déjà-vu gab’s gegen Melsungen, als ihm erneut kurz vor Schluss sein erstes Heimtor gelang. Insgesamt brachte es Szczesny auf drei Erstligaeinsätze. Ohne die Insolvenz hätte er sich vermutlich noch gedulden müssen. „Insofern habe ich von der Insolvenz sicherlich profitiert.“

Bei den Dormagenern unterschrieb Szczesny seinen ersten Zweitligavertrag. Als sich Stammkreisläufer Bastian Arnoud das Kreuzband riss und ausfiel, war Szczesny bereits am neunten Spieltag Stammspieler, hatte zwischen 40 und 50 Minuten Einsatzzeit pro Spiel. Die zweite Insolvenz indes kam Szczesny überhaupt nicht gelegen: Er stand kurz vor dem Abitur und musste sich einen neuen Verein suchen. So machte er in der zwölften Klasse Schluss. „Ich dachte mir, die Fachhochschulreife ist so schlecht auch nicht.“

Der Kontakt zum TVB kam über den heutigen Trainer der HG Saarlouis zustande, Goran Suton. Der hatte mitbekommen, dass Günter Schweikardt einen Spieler für den Kreis und den Rückraum sucht. Zwei andere Vereine hätten ihr Interesse angemeldet, der TVB habe sich aber am intensivsten um ihn bemüht. „Günter Schweikardt hat mit mir auch über andere Dinge gesprochen als nur über Handball“, sagt Szczesny. Das hat ihm imponiert.

Trotzdem dauerte es eine Weile, bis der 18-Jährige seinen Zweijahresvertrag unterschrieb. „Ich musste zum ersten Mal weiter weg von zu Hause, die Familie und die Freundin zurücklassen – und dann auch noch zu den Schwaben“, sagt er und lächelt.

Die sprachlichen Probleme – „den Trainer habe ich am Anfang nicht verstanden“ – und der erste Kulturschock – „es fuhren sehr viele Traktoren in Bittenfeld herum“ – sind längst überwunden. Die Familie, samt Freundin, reist nahezu zu jedem Heimspiel des TVB nach Stuttgart an. Apropos Stuttgart: Nach und nach möchte Szczesny die Landeshauptstadt ein bisschen näher kennenlernen. „Zum Shoppen und Essengehen ist es jedenfalls ganz nett“.

Weniger Schwierigkeiten als mit der schwäbischen Sprache hatte Szczesny mit seiner neuen Mannschaft. „Es ist ein super Team, es gibt keine Stars und keine Stinker“, sagt „Bam-Bam“. Seit Jahren hört er auf diesen Spitznamen, in Anlehnung an den ungewöhnlich starken Jungen der Geröllheimers in der Zeichentrickserie „Familie Feuerstein“. Weil der durch den Kieler Kreisläufer Patrick Wienczek doppelt besetzt ist, haben sich die Bittenfelder für den Jüngsten im Team nun etwas einfallen lassen: „Fleischberg“ oder „Fleischi“ klingt nicht eben schmeichelhaft, doch der Jüngste im Team nimmt’s mit Humor. Viel schlimmer findet er’s, wenn er als Rheinländer bezeichnet wird. „Ich bin Niederrheiner.“

Mit solchen kleinen, aber feinen Unterschieden kennen sie sich ja bestens aus im Waiblinger Norden. Schließlich ist ein Bittenfelder auch kein Waiblinger.

Profisportler im Bundesfreiwilligendienst

Andreas Beck, Andreas Hinkel, Mario Gomez, Sami Khedira, Serdar Tasci: Das ist nur eine kleine Auswahl von bekannten Sportlern, die beim Berufsbildungswerk (BBW) in Waiblingen ihren Zivildienst geleistet haben.

Seit Juli vergangenen Jahres ersetzt der Bundesfreiwilligendienst (BFD) den Zivildienst – mit einem entscheidenden Haken nach Ansicht von Ronnie Ziegler, Sportpädagoge beim BBW: Fünf komplette Seminarwochen sind für die Sportler Pflicht. „Das ist in der Praxis nicht möglich“, sagt Ziegler. „Man kann doch die Spitzensportler nicht fünf Wochen aus dem Trainingsbetrieb herausnehmen.“

Auf Intervention des BBW seien diese Pflichtveranstaltungen mittlerweile bundesweit gestrichen worden. Nur noch einen Tag im Monat sind die Sportler nun aushausig. Etwas zu spät kam diese Änderung für Dennis Szczesny. Der Handballer des TV Bittenfeld hat keinen BFD-Spitzensportvertrag unterschrieben und absolviert beim BBW seit dem 1. Oktober ein einjähriges Praktikum, an dessen Ende er die Fachhochschulreife in der Tasche haben wird.

20 Stunden in der Woche arbeitet Szczesny im BBW, hilft im Sportunterricht und steht den Jugendlichen im Kraftraum mit Rat und Tat zur Seite. „Bei Terminkollisionen hat die sportliche Entwicklung Priorität“, sagt Ziegler. Das BBW sehe sich als Partner des Spitzensports. „Und wir freuen uns natürlich riesig, wenn unsere Sportler erfolgreich sind und das BBW mit dem Spitzensport in Verbindung gebracht wird.“Im Herbst nächsten Jahres wird Szczesny sein Praktikum beendet haben. Vor dem Studium soll eine Ausbildung stehen. Welche, das steht noch nicht fest. Die Freundin folgt Szczesny nach dem Abitur nach Bittenfeld und plant ein Architektur-Studium in Stuttgart.