Bloß keine Selbstzufriedenheit

Unterschiedlicher hätte die Gemütslage der beiden Trainer nach dem Derby kaum sein können. Der Bietigheimer Jochen Zürn lobte seine Spieler nach dem überraschend deutlichen Sieg gegen den Konkurrenten in den höchsten Tönen. Er sei „gewaltig stolz“ auf seine Mannschaft, die eine „sensationelle Abwehr“ gespielt habe. So eine Defensivleistung sei in Bietigheim selten zu sehen gewesen. Bei Zürns Kollegen Günter Schweikardt indes saß der Frust tief. Nur zwei Tage nach dem starken Auftritt beim 28:27-Sieg gegen den TV Hüttenberg hätten seine Spieler sämtliche Tugenden vermissen lassen. „Kein Mannschaftsteil hat auch nur annähernd das hingekriegt, was wir besprochen hatten“, sagt der Coach. „Das ist schon sehr enttäuschend.“ Kein Feldspieler habe eine ordentliche Tagesform gehabt.

Dass seinen Spielern eventuell das Hüttenberg-Spiel vom Mittwoch noch in den Knochen gesteckt habe, lässt Schweikardt als Entschuldigung nicht gelten. „Alle haben sich fit gefühlt.“ Zumindest körperlich. Was sich in den Köpfen der Spieler abspielt, vermag der Trainer freilich nicht zu sagen. Möglicherweise sei der Gegner gedanklich etwas frischer gewesen. „Eines ist jedenfalls klar: So können wir unsere Ziele nicht erreichen.“ Das Derby habe wieder einmal gezeigt, wie schmal der Grat sei zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Nach dem Sieg gegen Hüttenberg war die Stimmung prächtig, nun sitzt der Frust tief. Schweikardt hofft, dass sich bei seinen Spielern nach Erfolgen künftig keine Selbstzufriedenheit mehr breitmacht. „Wir müssen endlich diesen nächsten Schritt machen.“

Ähnlich war die Gemütslage bei den Bittenfeldern nach dem lockeren 30:22-Auftaktsieg gegen den EHV Aue. Die Folge ist bekannt: Der TVB ging an der Ostsee baden, unterlag beim HC Empor Rostock nach einer schwachen Abwehrleistung mit 30:33.

Ein schlechtes Gefühl hatte Schweikardt in der Arena Ludwigsburg schon nach den ersten drei, vier Angriffen der Bietigheimer. Da hätten sich seine Spieler viel zu leicht ausspielen lassen. Die Unterlegenheit der Bittenfelder war umso erstaunlicher, weil der Gegner nicht in Bestbesetzung angetreten war. Der Bietigheimer Robin Haller saß aus disziplinarischen Gründen nur auf der Tribüne, Timo Salzer spielte grippegeschwächt. Der Bietigheimer Rückraum hatte trotzdem wenig Mühe, die Lücken in der TVB-Abwehr zu finden. Die bekam weder Philipp Schulz noch Andreas Blodig oder Pierre Freudl in den Griff.

Bis Sonntag muss Günter Schweikardt sein Team wieder in die Spur bringen. Um 17 Uhr gastiert die punktgleiche HSG Nordhorn-Lingen in der Scharrena. Die HSG schickte zuletzt die HG Saarlouis mit 39:28 auf die Heimreise, zum Saisonauftakt hatte sich die HSG nur mit 31:32 beim Aufstiegskandidaten Bergischer HC geschlagen geben müssen.

Für den TVB ist ein Sieg Pflicht, ansonsten rutscht er ins graue Mittelfeld ab. Bevor’s am 7. November zum verlustpunktfreien Spitzenreiter TV Emsdetten geht, könnten die Bittenfelder beim mäßig gestarteten ASV Hamm-Westfalen und gegen den sieglosen SV Post Schwerin noch kräftig Punkte sammeln.

Die Partie gegen die Postler am 26. Oktober in der Scharrena ist im Übrigen – trotz des Insolvenzantrages – noch nicht gefährdet. „Nach den Informationen, die uns vorliegen, wird Schwerin antreten“, sagt TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt.