„Spieler brauchen auch mentale Qualitäten“

Die beiden Auswärtssiege in Potsdam und Saarlouis, dazwischen der Heimerfolg gegen Eisenach, zwei Punkte zu Hause gegen das vermeintliche Mittelklasseteam Post Schwerin, den Einzug ins Viertelfinale gegen den Drittligisten EHV Aue heute Abend (siehe Artikel rechts), dann ohne Druck nach Nordhorn fahren und auf eine Überraschung hoffen und schließlich die beiden Pflichtpunkte gegen den Drittletzten TV Korschenbroich: So hatte der Fahrplan des TV Bittenfeld ausgesehen.

Daraus ist nichts geworden, die bittere 28:30-Niederlage gegen die Schweriner am Samstag ließen den TVB bis auf zwei Punkte an die Abstiegsränge zurückrutschen. Grund dafür waren nicht ausschließlich die eigenen Unzulänglichkeiten, sondern auch die – wieder einmal – überraschenden Ergebnisse der Konkurrenz. So schlug der Viertletzte HSG Düsseldorf die HSG Nordhorn-Lingen mit 32:28, Korschenbroich und das Schlusslicht Bad Schwartau teilten sich beim 31:31 die Punkte. Und Empor Rostock schrammte nur ganz knapp an einen großen Überraschung vorbei: Gegen den Spitzenreiter TSV GWD Minden führte der HC lange Zeit und unterlag in der Schlussphase unglücklich mit 26:27. Bei einem Sieg wäre Empor bis auf einen Punkt an den TV Bittenfeld herangerückt.

Jeder Trainer verfolgt eine bestimmte Linie

„Spätestens nach diesem Spieltag dürfte jedem klar sein, worum es hier geht“, sagt Günter Schweikardt. Der Bittenfelder Trainer sah sich das Spiel seiner Mannschaft am Samstag von der VIP-Tribüne aus an. Nach seiner Schulteroperation fühlte er sich noch nicht fit für die Bank.

Gelitten hat er aus einer für ihn ungewöhnlichen Perspektive. Wie die rund 850 Bittenfelder Fans auf der Tribüne und am Spielfeldrand. Die Partie sorgte für reichlich Diskussionsstoff. Warum, fragte sich mancher Fan, gönnte Co-Trainer Klaus Hüppchen Dominik Weiß nicht eine längere Verschnaufpause? Der „Lange“ hatte am Samstag eine schwache Wurfquote. Mit jedem Fehlwurf wirkte er unsicher. Mit Adrian Wehner und Thorsten Salzer saßen Rückraum-Alternativen auf der Bank. Und weshalb genoss Arni Sigtryggsson so lange das Vertrauen? Der Isländer spielt seit Wochen außer Form, und gegen Schwerin war keine Besserung in Sicht. Zudem machte er auch in der Abwehr keinen sattelfesten Eindruck. Auch hier gab’s genügend andere Kandidaten.

„Im Nachhinein kann man immer vieles infrage stellen“, sagt Günter Schweikardt. Seinem Co-Trainer will er aber keinen Vorwurf machen. Jeder Trainer verfolge eine bestimmte Linie und schenke mal diesem und mal jedem Spieler mehr oder weniger Vertrauen. Abgesehen von taktischen und personellen Entscheidungen hätte der TVB das Spiel für sich entscheiden können, sagt Schweikardt. „Wir haben es einfach versäumt, die wichtigen Tore zu machen, nachdem wir uns gut herangekämpft hatten gegen einen guten Gegner.“ Zudem habe die Abwehr viel zu passiv agiert. „Vier Gegentreffer in Überzahl sprechen für sich.“ Das ärgert Schweikardt auch deshalb, weil sein Team in den jüngsten Spielen aus diesem Vorteil mehr Kapital geschlagen habe.

Schwerin habe sein Spiel bis zum Schluss mit letzter Konsequenz durchgezogen. Fehlte die womöglich dem einen oder anderen Bittenfelder? Hat der TVB geglaubt, nach drei Siegen läuft’s von alleine? „Das könnte natürlich auch eine Rolle gespielt haben“, sagt Schweikardt. Ein guter Spieler müsse auch gewisse „mentale Qualitäten“ mitbringen. Er müsse sich auf jede Aufgabe neu konzentrieren und sie richtig einschätzen können. Es gehöre zur Aufgabe der Trainer, ihren Spielern dies zu vermitteln. „Es ist aber wie im alltäglichen Leben, nicht alle Methoden führen zum Erfolg.“ Schweikardt hofft, dass mit der Erfahrung vom Samstag auch seinem letzten Spieler der Ernst der Lage klar geworden ist.

Vielleicht sollten sich die Bittenfelder die Schweriner zum Vorbild nehmen. Die bekamen am Tag vor dem Spiel in der Mannheimer SAP-Arena Anschauungsunterricht, wie ein harter Kampf erfolgreich beendet werden kann – beim Boxkampf Felix Sturm gegen Martin Murray an. „Die beiden haben bis zum Ende alles gegeben“, sagte der Schweriner Trainer Christian Prokop. „Das haben meine Jungs auch getan.“