Neue Qualität: Nervenstärke

Der Gemütszustand des Düsseldorfer Trainers Ronny Rogawska und von HSG-Sportdirektor Daniel Stephan war bei der Pressekonferenz nach dem Spiel unschwer an den Gesichtern abzulesen. Durch die Niederlage gegen den TVB ist der angepeilte Erstliga-Aufstieg für die Düsseldorfer bei fünf Punkten Rückstand auf den Bergischen HC in weite Ferne gerückt. „Wir müssen uns jetzt erst einmal ein, zwei oder drei Tage sammeln“, sagte der Ex-Welthandballer Stephan. „Dann muss es für uns weitergehen.“

Dabei war die Stimmung bei den Düsseldorfern nach dem zum Saisonende angekündigten Rücktritt Stephans und dem Bekanntwerden finanzieller Engpässe schon vor dem Spiel nicht besonders gut gewesen. Als Entschuldigung indes für die Niederlage wollte Rogawska diese Nebengeräusche nicht gelten lassen. „Ein Spieler muss das aushalten und darf sich davon nicht beeinflussen lassen“, sagte er. „Wir haben unter der Woche gut trainiert.“

Die Bittenfelder wohl auch. Sonst hätten sie bei den klar favorisierten Düsseldorfern nicht so eine starke Leistung abliefern können. Vor allem die ersten 30 Minuten begeisterten TVB-Trainer Günter Schweikardt. Mit einem fulminanten Zwischenspurt zog der TVB binnen sieben Minuten vom 8:6 auf 15:6 davon. Die Bittenfelder standen – vor dem überragenden Torhüter Daniel Sdunek – kompakt in der Deckung, nutzten das zögerliche Rückzugsverhalten der Düsseldorfer gnadenlos aus und sorgten für andächtige Stille unter den Fans im Burg-Wächter-Castello. Zu hören waren nur die rund 30 Bittenfelder Fans, die sich unter die 2762 gemischt hatten. So viele wollten die HSG in dieser Saison noch nie sehen, der Rekord stand bis Samstag bei 1800 Zuschauern im Derby gegen den Bergischen HC. Allerdings half die HSG künstlich nach und verteilte Freikarten.

Der letzte Treffer der Düsseldorfer ging im Bittenfelder Jubel unter

Die Fans bekamen ein spannendes Finale geboten, nach dem es 20 Minuten lang nicht ausgesehen hatte. Schon zur Pause hatten die Düsseldorfer den Neun-Tore-Rückstand auf vier Treffer reduziert. Und in den ausgeglichenen zweiten 30 Minuten erkämpfte sich die HSG zweieinhalb Minuten vor dem Ende den 30:30-Ausgleich. Bei eigenem Angriff hatte der Tabellendritte sogar die Chance zur ersten Führung seit dem 5:4. Doch Dominik Weiß und Jürgen Schweikardt bestraften die Fehler der HSG in der letzten Minute nervenstark zum entscheidenden 32:30. „Den Anschlusstreffer von Novickis habe ich gar nicht mehr gesehen“, sagt Günter Schweikardt.

Der Bittenfelder Coach feierte derweil mit seinem Trainerteam und den Spielern den fünften Auswärtssieg in dieser Saison, der am Ende noch mal am seidenen Faden hing. „Gegen so einen hochkarätigen Gegner darf man eben zu keinem Zeitpunkt einen Gang zurückschalten.“ Als die Düsseldorfer im zweiten Spielabschnitt aufs Tempo drückten, habe sein Team in der Abwehr nicht schnell genug die Ordnung gefunden. „Außerdem haben wir uns zu viele riskante Würfe genommen und zwei Gegentreffer in Überzahl kassiert.“

Daran gelte es zu arbeiten, im Grunde jedoch seien dies nur Randnotizen. „Nach so einem Spiel ist Kritik eigentlich nicht angebracht.“ Vielmehr lobte Schweikardt sein Team, aus dem außer Sdunek vor allem Arnor Gunnarsson herausragte. Der Isländer spielte wie aufgedreht, traf aus allen Lagen. „Das war eine tolle Leistung von ihm.“

Mit dem fünften – und nicht einkalkuliertem – Sieg in Folge kletterten die Bittenfelder auf den fünften Rang. „So kann’s weitergehen“, sagt Schweikardt. Sollte es auch noch eine Weile, denn die übriggebliebene Konkurrenz im Kampf um den neunten Platz punktet ebenfalls munter. Damit bleibt’s bei den sechs Punkten Vorsprung des TVB auf den Relegationsplatz.

Der Tabellenelfte, der EHV Aue, befindet sich seit dem 28:21-Sieg in der Porsche-Arena gegen den TVB im Hoch: 16:2 Punkte lautet die imponierende Bilanz, fünf Spiele hintereinander gewann der EHV auswärts. Der Zehnte, der ThSV Eisenach, geht mit 8:2 Punkten in die letzten neun Spiele. Und die HG Saarlouis auf Rang neun hat seit Weihnachten immerhin 13:5 Zähler gesammelt. Deshalb blickt Günter Schweikardt jetzt bereits auf das Spiel am Samstag gegen die TSG Groß-Bieberau. „Das Ding ist noch längst nicht gelaufen.“

In der derzeitigen Form müssen sich die Bittenfelder allerdings keine ernsthaften Sorgen machen. Zumal sie offensichtlich eine neue Qualität hinzugewonnen haben: Nervenstärke in engen Spielen.