Akribisches Studium – und Bauchgefühl

Warum nimmt der Trainer den Spieler, der soeben zum vierten Mal am Torhüter gescheitert ist, nicht endlich vom Feld? Weshalb wird der Rückraumspieler des Gegners nicht kurz gedeckt, obwohl er bereits zehn Tore geworfen hat? Weshalb reagiert die Bank nicht? Ist der Gegner etwa nicht ausgiebig genug beobachtet worden?

Solche Fragen stellen sich die Zuschauer immer wieder, wenn’s bei ihrem TVB mal nicht so läuft. „Wir denken uns schon etwas dabei, wenn wir nichts ändern“, sagt der Bittenfelder Co-Trainer Klaus Hüppchen. „Beispielsweise, weil wir in dieser Phase überzeugt davon sind, dass sich das Bewährte am Ende doch durchsetzen wird.“ Genauso jedoch hätten taktische Änderungen ihren Hintergrund. „In erster Linie versuchen wir natürlich, unser Spiel durchzubringen“, sagt Hüppchen. Das bedeute im Umkehrschluss aber keinesfalls, dass man sich weniger mit dem Gegner beschäftige – im Gegenteil.

Mitarbeiter
Spieler stehen in der Verantwortung

Die Vorbereitung auf das nächste Spiel beginnt beim TV Bittenfeld mit der Aufarbeitung der Partie davor. Teilweise bereits im Bus auf der Rückfahrt vom Auswärtsspiel, offiziell aber im Montagstraining. „Wir sprechen die guten und die schlechten Dinge an“, sagt Hüppchen.

Die Analyse laufe nicht immer nach demselben Muster ab. „Oft reicht eine Besprechung, eventuell schauen wir auch noch das Video unseres Spiels an.“ So oder so: Die Trainer fordern aktive Mitarbeit von ihren Spielern. Nur dasitzen und konsumieren ist nicht erwünscht. „Sie sollen mitdenken, sich einbringen und selbst Stärken und Schwächen erkennen.“ Eigeninitiative sei grundsätzlich erwünscht. „Wir möchten, dass unsere Spieler in die Verantwortung gehen. Auf und neben dem Platz.“

Am Dienstag beginnt das Trainergespann damit, sich Gedanken über den Gegner zu machen – auch hier in Zusammenarbeit mit den Spielern. „Wir fragen sie, welche Spieler des Gegners sie kennen, welche Hauptabwehrformation der Gegner bevorzugt.“

Grundlage der Vorbereitung bilden die Videos des Gegners. Dabei gibt’s keine Regel, wie viele Spiele angesehen werden. „Grundsätzlich ist’s natürlich so: Je mehr man anschaut, desto mehr erfährt man vom Gegner.“ Auf jeden Fall dabei sein müsse eine Partie, in welcher der Gegner des nächsten Kontrahenten dieselbe Abwehrformation wie der TVB spiele. „Dann kann ich sehen, wie der Gegner die Abwehr zu bespielen versucht.“

Gab’s bei einem Team einen Trainerwechsel, werden Videos von Spielen mit dem alten und neuen Coach angesehen. „Wir müssen wissen, ob der neue Trainer tatsächlich etwas Entscheidendes geändert hat oder ob’s nur Aktionismus war.“

Moderator
Mit den Augen des Trainers sehen

Das Videostudium ist nicht nur eine Angelegenheit der Trainer, auch die Spieler sollen sich damit beschäftigen. Wichtig sind die Aufzeichnungen insbesondere auch für die Torhüter, die sich die Wurfbilder der gegnerischen Schützen selbst erarbeiten sollen. „Wir möchten die Spieler mit ins Boot nehmen, die Schlüsselspieler sollen die Spiele mit den Augen des Trainers sehen.“ Die Verantwortlichen sehen sich in einer taktischen Besprechung eher als Moderator und nicht als Referent. „Wenn wir das Gefühl haben, das Schiff steuert in die falsche Richtung, steuern wir dagegen.“

Donnerstags, in der heißen Phase der Vorbereitung, besprechen die Trainer mit den Spielern die Trainingsinhalte. „Die Spieler möchten und sollen auch wissen, wozu wir was trainieren.“ Zu diesem Zeitpunkt ist klar, was den nächsten Gegner kennzeichnet: Hat er gute Einzelspieler? Ist das Kollektiv die Stärke? Hat er fünf Auslösehandlungen in petto oder 15?

Im Grunde gebe es immer zwei Möglichkeiten, einen Gegner zu packen, sagt Hüppchen: bei seinen Stärken oder seinen Schwächen. „Haben wir beispielsweise den überragenden Torhüter des Gegners im Griff, stehen unsere Chancen gut.“ Zeige der Gegner Schwächen in der Rückwärtsbewegung, „packen wir ihn mit unserer Stärke – dem Gegenstoßspiel“.

Hin und wieder gibt’s Wochen, in denen die Vorbereitung etwas abweicht von der Norm. Wie beim Spiel gegen die SG BBM Bietigheim kurz vor Weihnachten. Zunächst einmal war die Vorbereitungszeit kürzer: Das Derby fand freitags statt, das Spiel davor in Groß-Umstadt war ausnahmsweise sonntags. Außergewöhnlich war die Situation auch, weil Günter Schweikardt und Klaus Hüppchen ihre Mannschaft nach einem „katastrophalen Spiel mit desolater Einstellung“ auf die besonders brisante Partie vor 6000 Fans in der Porsche-Arena einstimmen mussten.

Abwägung
Bewährtes oder Neues?

Montags stand eine Athletikeinheit auf dem Programm, dienstags die Aufarbeitung der Niederlage in Groß-Umstadt. Am Mittwoch trainierten die Spieler individuell. Vor dem Abschlusstraining am Donnerstag in der Porsche-Arena wollten Trainer und Mannschaft – wie immer bei Arena-Spielen – auf dem Videowürfel nochmals ein Spiel der Bietigheimer anschauen. Es gab technische Probleme. Das Spiel lief doch noch – einen Stock tiefer mittels Beamer und Leinwand. Reiner Seiz hatte kurzerhand für die Technik gesorgt. „Das ist halt Bittenfeld, wo’s hunderttausend helfende Hände gibt“, sagt Hüppchen.

Bietigheim ist auch deshalb ein Sonderfall, weil sich beide Mannschaften schon seit Jahren sehr gut kennen. Pierre Freudl und Benjamin Krotz spielten schon beim TVB. Die Geheimnisse halten sich in Grenzen, die Trainer müssen nicht zahllose Videos ansehen. Krotz kennt die Wurfbilder der meisten Bittenfelder Schützen. Ein Vorteil für den Gegner? Jein, sagt Hüppchen. „Unsere Spieler kennen ja auch Krotz, das ist eine Pattsituation.“

Für die Trainer der beiden Teams, so Hüppchen, stelle sich vor so einem Spiel die Grundsatzfrage: „Bleibe ich bei meinem Standardprogramm oder probiere ich etwas Neues aus und setzte auf den Überraschungseffekt?“ Oft entscheide darüber das Bauchgefühl. Das sagte den Verantwortlichen des TVB, dass sie auf den einen oder anderen in den ersten 30 Minuten glücklosen Spieler vertrauen sollen. „Es ist nicht immer sinnvoll, gleich etwas zu ändern, wenn’s nicht läuft.“ Auch wenn’s von außen oft nicht nachzuvollziehen sei.

Mitentscheidend für den Erfolg sei, dass die Mannschaft reagieren könne, falls sich ein Spiel anders entwickle als erwartet. Agiere ein Gegner plötzlich mehr über links und nicht über rechts wie gewöhnlich, dürfe das kein allzu großes Problem darstellen. Dazu sei ein gewisses Maß an individueller Klasse vonnöten. „Im Idealfall kann ein Spieler ein Spiel so gut lesen, dass er in jeder Sekunde eine Antwort parat hat.“

Sei ein Gegner allerdings individuell in manchen Situationen besonders stark, sei die Grenze oft erreicht, eine Aktion zu verhindern. „Wenn ich gegen Narcisse ins Eins-gegen-eins muss, nützt es mir nichts, wenn ich weiß, ob er eher links oder rechts an mir vorbeigeht.“

Trotz aller akribischer Beschäftigung mit dem Gegner und der individuellen Stärke der eigenen Spieler gibt’s freilich keine Erfolgsgarantie. Gegen Bietigheim hat’s funktioniert beim TV Bittenfeld, eine Woche später gegen Aue dagegen überhaupt nicht. Obwohl die Vorbereitung ähnlich abgelaufen ist. „Im Handball“, sagt Klaus Hüppchen, „werden Spiele oft auch im Kopf gewonnen.“

Und an diesem Tag war die Denkzentrale der TVB-Spieler offensichtlich nicht in Höchstform.