Es ist eine Frage des Blickwinkels

Günter Schweikardt (Steinemann-Foto rechts) strebt stets nach dem maximal Erreichbaren. Die Euphorie des Trainers nach dem größten Erfolg in der Geschichte des TV Bittenfeld, Platz drei in der 2. Handball-Bundesliga, hält sich daher in Grenzen. „Man muss die Saison aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus betrachten“, sagt der 61-Jährige. Der dritte Platz an sich sei „in Ordnung, das war nicht unbedingt zu erwarten“.

Ganz zufrieden indes ist Schweikardt nicht. „Wir hatten drei, vier Spieltage vor Schluss die große Chance auf Platz zwei.“ Am 30. Spieltag besiegte der TVB den HSC Coburg mit 36:30 und lag zwei Punkte vor dem Bergischen HC auf Rang zwei. Selbst die Tabellenführung und damit am Ende der Direktaufstieg war bei zwei Pluspunkten Rückstand auf die TSG Friesenheim in Reichweite. Das Restprogramm mit Spielen gegen Mannschaften aus dem hinteren Tabellendrittel – mit Ausnahme des Derbys gegen Bietigheim – sprach zudem für die Bittenfelder.

Augenhöhe
Positive Bilanz gegen Spitzenteams

Gereicht hat es nicht, in der Schlussphase ging dem TVB die Luft aus. 3:5 Zähler aus den letzten vier Spielen waren zu wenig für einen der beiden vorderen Plätze, die Konkurrenten blieben derweil ohne Punktverlust. Drei Punkte fehlten den Bittenfeldern auf den Zweiten Bergischer HC, sieben auf den Meister TSG Friesenheim.

In der Leistungsstärke sieht Schweikardt „keine großen Unterschiede“ zur TSG und zu den Bergischen Löwen. „Trotzdem kommt der Punkterückstand nicht von ungefähr.“ Der große Vorteil der TSG Friesenheim und mit Abstrichen auch des Bergischen HC sei gewesen, dass sie die Spiele gegen vermeintlich schwächere Gegner überwiegend für sich entschieden hätten. Während die Bittenfelder in Saarlouis, Obernburg, Aue und Coburg leer ausgingen, nahm die TSG hier alle acht möglichen Punkte in der Fremde mit. „Friesenheim hat seine Erfahrungen aus den Relegationsspielen der vergangenen Saison genutzt und ist absolut verdient aufgestiegen.“

Dass die Bittenfelder mit den beiden Spitzenteams auf Augenhöhe sind, zeigt der direkte Vergleich: In allen vier Spielen blieben sie unbesiegt bei jeweils einem Sieg und einem Unentschieden. Lediglich gegen den punktgleichen Tabellenvierten TV Hüttenberg holte der TVB keinen Zähler. Die unglücklichen 28:31- und 26:27-Niederlagen ärgern Schweikardt noch heute.

„Wir haben zwar auch einige Spiele knapp gewonnen, aber auf der anderen Seite viele Punkte hergeschenkt.“ Ausschlaggebend hierfür sei weniger die Stärke der Gegner als vielmehr die eigene Schwäche gewesen. Schweikardt denkt dabei nicht nur an die 30:32-Niederlage in Obernburg am viertletzten Spieltag, sondern auch an die Spiele in Eisenach (24:25), Coburg (25:26) und Aue (27:28).

Höhepunkte
Herausragende Leistungen

Bei aller Enttäuschung über die verpasste Relegation: Schweikardt ist kein notorischer Grantler, er hat bei seiner Mannschaft auch viel Positives gesehen. „Die Entwicklung war in Ordnung.“ Immerhin hat sich der TVB in den vier Jahren, in denen er in der 2. Bundesliga spielt, von der grauen Maus zu einer Spitzenmannschaft entwickelt. Im Debütjahr schafften die Bittenfelder erst am finalen Spieltag mit einem überraschenden Sieg in Hüttenberg den Ligaverbleib. Im zweiten Jahr reichte es zu Rang zehn, in der Saison 2008/2009 zu Platz acht. Damals hatte sich der TV Bittenfeld lange Zeit nahe der Abstiegszone befunden und sich mit einer beeindruckenden Rückrunde und 24:10 Punkten aller Sorgen befreit.

Exakt auf diese Punktzahl brachte es der TVB auch in der zweiten Hälfte der vergangenen Spielzeit. In der Hinrunde sammelte Bittenfeld zwei Punkte weniger. Trotzdem hatte Schweikardt das Gefühl, „dass das Team da noch etwas befreiter aufgetreten ist“. In der Rückserie fielen die Siege längst nicht mehr so deutlich aus wie vor Weihnachten. Da hatten die Bittenfelder teilweise furios aufgespielt.

Der Saisonstart mit 3:3 Punkten war zwar noch etwas holprig. Den ersten frühen Saisonhöhepunkt erlebten 1200 Fans am 22. September in der Gemeindehalle. In der zweiten Runde um den Pokal des Deutschen Handball-Bundes verpasste der TVB gegen die Rhein-Neckar Löwen nur hauchdünn die Sensation. Die Bittenfelder führten den mit Nationalspielern gespickten Erstligisten 30 Minuten lang vor und lagen zur Pause mit 17:9 vorne. Quasi mit dem Schlusspfiff erzwang Olafur Stefansson per Siebenmeter den 27:27-Ausgleich und damit die Verlängerung. Auch hier führte der Außenseiter noch und musste sich am Ende äußerst unglücklich mit 32:33 geschlagen geben. Aus diesem Spiel zogen die Bittenfelder viel Selbstvertrauen. Mit hervorragenden Leistungen siegten sie beim Titelfavoriten Bergischer HC mit 43:35, bezwangen die HSG Frankfurt Rhein-Main mit 41:25 und im ersten Spiel der Rückrunde den späteren Meister TSG Friesenheim vor 6000 begeisterten Zuschauern in der Porsche-Arena mit 31:25.

Spätestens nach dem 29:25 gegen Delitzsch und damit 13:1 Punkten in Folge durften die Bittenfelder vom Aufstieg träumen. Sie steckten den einen oder anderen Rückschlag weg und brachten sich nach der Niederlage gegen Hüttenberg mit vier Siegen in Folge, darunter das 28:22 beim äußerst heimstarken TV Neuhausen/Erms, in eine prächtige Ausgangsposition. Auf der Zielgeraden jedoch gingen dem TVB die Körner aus, der Bergische HC kommt nun in den Genuss der Aufstiegsspiele. Die hätte Günter Schweikardt gerne mitgenommen, und möglichst auch noch die zweite Runde gegen den Drittletzten der 1. Bundesliga.

So haben die Bittenfelder mehr Zeit, am Kader für die fünfte Zweitliga-Saison zu basteln – und die wird eine ganz besondere: Es geht um die Qualifikation zur eingleisigen 2. Liga. Jeweils die ersten neun der Nord- und Südstaffel werden in der übernächsten Saison in einer gemeinsamen Liga spielen. „Die eingleisige 2. Liga ist ganz klar unser Ziel“, sagt Schweikardt – und warnt zugleich vor überzogenen Erwartungen nach dem dritten Platz zuletzt. „Natürlich wollen wir noch einmal so eine Runde spielen“, sagt er. „Aber davon ist nicht auszugehen.“ Weil viele Clubs mit aller Macht die Qualifikation schaffen wollen, nehmen sie viel Geld in die Hand und verstärken sich mit Hochkarätern. Der TVB dagegen muss und will einen anderen Weg gehen.

Verluste
Schwer zu ersetzen: Seitner, Hauk

Zunächst einmal gilt’s, drei Spieler gleichwertig zu ersetzen. Mit Patrick Rothe (tritt kürzer), Sebastian Seitner (HV Stuttgarter Kickers) und Marco Hauk (TSG Friesenheim) verliert der TVB gleich drei Linkshänder. Hauk und Seitner gehörten nicht nur zu den besten Torschützen des TVB, den beiden attestiert Schweikardt auch „absolute Erstligatauglichkeit“. Rothe habe zumindest gutes Zweitliganiveau.

Beinahe hätte der TVB auch auf seinen Allrounder Florian Schöbinger verzichten müssen, doch das geplante Auslandssemester hat sich kurzfristig zerschlagen.

Zwei Neuzugänge stehen schon länger

fest: Vom isländischen Erstligisten Valur Reykjavik kommt der sechsfache Nationalspieler Arnor Thor Gunnarsson (22) für die Rechtsaußen-Position. Vom Oberligisten TSV Schmiden wechselt der Jugend-Nationalspieler Jan Forstbauer (18) zum TVB. Er soll mittelfristig Seitner im rechten Rückraum ersetzen. Lange Zeit hatten die Bittenfelder auf die Rückkehr von Michael Schweikardt gehofft, der seinen Vertrag beim Erstligisten FA Göppingen nicht verlängerte. Der 27-Jährige war hin- und hergerissen, zog aber dann doch ein Angebot des Erstligisten MT Melsungen vor.

„Eine oder zwei Verstärkungen“ hätte Günter Schweikardt gerne noch. Einen Linkshänder für den rechten Rückraum und einen abwehrstarken Spieler. „Es laufen viele Gespräche“, sagt Schweikardt. Von Panikverpflichtungen hält er jedoch nichts. „Wenn wir keinen passenden Spieler finden, gehen wir mit diesem Kader in die Saison.“

Der Trainer ist zuversichtlich, dass sich Forstbauer und Gunnarsson schnell integrieren werden. In den vergangenen Jahren hat der TVB bei seinen Zugängen stets ein glückliches Händchen gehabt. Zuletzt bei Bastian Rutschmann, Daniel Sdunek und Dominik Weiß oder zuvor bei Ludek Drobek, Sebastian Seitner und Marco Hauk.

Zwei personelle Fragezeichen gibt’s noch beim TVB: Jens Baumbach und Kai Häfner. Bei Baumbach ist noch nicht geklärt, ob er sich ausschließlich auf seine Rolle als Spieler konzentrieren oder seine Trainertätigkeit forcieren wird. Ob Junioren-Nationalspieler Häfner (FA Göppingen) wieder mit Zweifachspielrecht ausgestattet wird, entscheidet sich wohl erst im August. „Wir sind sehr daran interessiert“, sagt Schweikardt. „Einen Spieler wie ihn in der Hinterhand zu haben ist immer von Vorteil.“