Die Spiele in der Porsche-Arena…

Drei Minuten sind noch zu spielen, als der Spielmacher Jürgen Schweikardt den Handball-Zweitligisten TV Bittenfeld mit seinem zehnten Tor mit 29:27 in Führung bringt. Dieser Treffer eröffnet am Freitagabend vor den 4371 Zuschauern gegen die TSG Groß-Bieberau eine Schlussphase, die mit einem 30:28-Sieg endet – und eine Party eröffnet.

Das ist nicht Neues. Handballfeste sind es allemal, wenn der TV Bittenfeld zu Gast in der Stuttgarter Porsche-Arena ist. "Ohne diese Arena wären wir nicht da, wo wir jetzt sind", sagt Jürgen Schweikardt, der sowohl im Bittenfelder Rückraum als auch im Marketing des Clubs vor den Toren Waiblingens die Fäden zieht.

Begonnen hat alles im Jahr 2006. Der TV Bittenfeld war binnen weniger Jahre aus der Fünftklassigkeit in die zweite Liga aufgestiegen und verfügte nur über einen ganz bescheidenen Etat. Die neu entstandene Porsche-Arena mit ihren 6100 Plätzen in Stuttgart wirkte da wie eine Verlockung. Die Premiere war ausverkauft, seither sind die Bittenfelder neunmal nach Stuttgart umgezogen, fast genau 50 000 Zuschauer haben die Begegnungen gesehen – eine glänzende wie überraschende Auslastung.

Das ist nämlich in Stuttgart nicht selbstverständlich. Der Teilzeitgast Frisch Auf Göppingen, der aufgrund des Hallenumbaus in der Hohenstaufenstadt in der vergangenen Saison in der Arena spielte, war nicht glücklich; der VfL Pfullingen/Stuttgart oder die HBR Ludwigsburg, die ihren gesamten Spielbetrieb nach Stuttgart verlagern wollten, fanden so wenig Sponsorenresonanz, dass die beiden ehemaligen Bundesligavereine die Insolvenz ereilte.

In Bittenfeld geht man den Gang in die Landeshauptstadt bedächtiger – und wohl auch listiger an. "Wir fühlen uns in der Rolle des Gallierdorfes ganz wohl", sagt Jürgen Schweikardt. Soll heißen: wie Asterix und Obelix kurz ausschwärmen, Eindruck hinterlassen, aber dann auch schnell wieder in die heimischen Gefilde zurückkehren. "Unsere Fans gehen gerne mal nach Stuttgart", sagt der Trainer Günter Schweikardt, "aber unsere Heimat ist Bittenfeld. Dort haben wir ein großes Einzugsgebiet."

Der Verein profitiert dabei einerseits von fehlender Konkurrenz, denn im Landkreis Rems-Murr gibt es keinen Club, der in einer populären Sportart höher spielt. Andererseits bringt dem Zweitligisten auch die Zugehörigkeit zum Handball-Bezirk Rems-Stuttgart Aufmerksamkeit. Der Gedanke ist naheliegend, aber einen dauerhaften Umzug nach Stuttgart hat man beim TV Bittenfeld nie in Betracht gezogen – obwohl die Gemeindehalle im Ort mit 1200 Zuschauern ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Der Wunsch, sich sportlich weiterzuentwickeln, ist damit nur schwer umsetzbar. Möglich wäre der Umzug, denn nach wie vor ist in der Porsche-Arena der gewünschte Ligaspielbetrieb – ob Eishockey, Basketball und/oder Handball – nicht vorhanden.

Aber, sagt Jürgen Schweikardt, "unser oberstes Prinzip ist der Fortbestand des Vereins. Wir werden unsere Wurzeln nicht kappen." So baut man das Konzept der zwei Standorte mit Verstand aus und steigert die Anzahl der Spiele in Stuttgart zunächst von drei in der vergangenen Runde auf vier in dieser Saison. Die wirtschaftliche Bedeutung ist inzwischen groß, wobei Jürgen Schweikardt den Zuschauereinnahmen weit weniger Bedeutung beimisst als der Sponsorenpflege.

Von diesen Partnern kommen indes nur einige wenige aus dem Raum Stuttgart, für den Verein ist die Porsche-Arena aber eine – zumal für Zweitligaverhältnisse – hervorragende Plattform, auf der man Multiplikatoren gewinnt, sich präsentieren und überzeugen kann – ob im VIP-Bereich oder mit einem anspruchsvollen Rahmenprogramm. "Wir wollen Begeisterung wecken", sagt der Marketingmann Jürgen Schweikardt, "und das klappt auch, weil es authentisch ist."

Die gesteigerte Aufmerksamkeit spürt der Spieler und Vordenker Jürgen Schweikardt inzwischen auch im privaten Alltag, zum Beispiel wenn er in einem Nachbarstädtchen beim Essen um ein Autogramm gebeten wird. "Ohne unsere Auftritte in der Stuttgarter Porsche-Arena wäre das undenkbar", ist er sich sicher.