Der Handball kämpft um sein Image

Jürgen Schweikardt: Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas im Handball vorkommt und dann auch noch ein solches Ausmaß annimmt. Allerdings gibt’s auch viele Gerüchte, eine Menge Leute meinen, sie müssten mitreden. Dabei wird viel aufgebauscht. Auch wenn’s derzeit noch nicht wirklich viele Fakten gibt: Es muss alles schnell aufgeklärt werden, damit’s keinen Spielraum für immer neue Spekulationen gibt. Für den Handball ist das sicherlich kontraproduktiv.

Jörg Heinz: Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Allerdings muss man auch sagen, dass es bis jetzt nur Vorwürfe gibt und keine Beweise. Der eine Fall wird von ein paar Leuten dazu benutzt, um sich in den Vordergrund zu spielen und ein paar alte Rechnungen zu begleichen. Mich würde es überraschen, gäbe es eine flächendeckende Manipulation. Aber keine Frage: Es ist eine Lawine losgetreten worden, die jetzt über uns hereinbricht.

Günter Kubach: Ich habe immer gedacht, dass im Handball solche Machenschaften nicht möglich sind. Skeptisch wurde ich, als Südkorea beim Endspiel um die Asienmeisterschaft durch die Schiedsrichter benachteiligt wurde und das Spiel neu angesetzt werden musste. Dass nun unser Aushängeschild im Handballsport, der THW Kiel, von diesen Vorwürfen betroffen ist, hat mich geschockt. Dass nun immer mehr Schiedsrichter von Bestechungsversuchen berichten, ist eine Katastrophe für den Handballsport. Ich denke jedoch, dass hiervon nur der internationale Handballsport betroffen ist. In unserer Liga halte ich dies für ausgeschlossen.

Christoph Berger: Ich hätte gehofft, dass der Handball von diesen Vorkommnissen und Machenschaften, die wir leider von einigen Sportarten bereits länger kennen, verschont bleibt. Ich bin aber auch vorsichtig mit schnellen Urteilen und Meinungen, da im Moment noch nicht klar ist, ob alle diskutierten Vorkommnisse auch wirklich so stattgefunden haben. Natürlich ist eine konsequente Aufarbeitung durch die internationalen Verbände unerlässlich.

Schweikardt: Ich glaube nicht, dass die Schiedsrichter jetzt besonders beäugt werden. Dafür gibt es meiner Meinung nach auch keinen Grund. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass bei uns in der 2. Liga oder in der 1. Liga da irgendetwas gelaufen ist. Sicher steht mit dem THW Kiel ein deutscher Verein in Verdacht. Aber ich denke, dass das Problem eher auf europäischer Ebene liegt.

Heinz: Wir sehen die Spiele nicht aus einem anderen Blickwinkel und sind zunächst einmal von der Unschuld der Schiedsrichter überzeugt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass materielle Dinge bei uns eine Rolle spielen. Zeitstrafen geben sicher viele Möglichkeiten der Interpretation und der Belastete wird sich in der Regel benachteiligt fühlen. Das ist aber der normale Alltag.

Kubach: Ich denke schon, dass die Europacupspiele anders gesehen werden. Die Spiele der Württembergliga sicherlich nicht. Klar ist man nicht mit manchen Entscheidungen der Schiris einverstanden, doch im Großen und Ganzen haben wir sehr gut ausgebildete Schiris, die sich nicht bestechen lassen.

Berger: Mein Blickwinkel beim Verfolgen eines Spieles, vor allem in den regionalen Klassen, aber auch im Fernsehen bei Spielen in internationalen Wettbewerben, hat sich nicht verändert. Ich unterstelle nicht automatisch die Gefahr der Manipulation. Allerdings ist man bei Auffälligkeiten natürlich sensibilisiert.

Schweikardt: Die Schiedsrichter werden bei unseren Heimspielen auch weiterhin etwas zu essen und zu trinken bekommen – wie die gegnerischen Mannschaften übrigens auch. Da geht’s nicht darum, dass sie besonders verwöhnt werden. Wenn sich jede Mannschaft an diesen Rahmen hält, ist das ja auch in Ordnung. Die Schiedsrichter in teuren Luxushotels unterzubringen, wie’s angeblich geschehen ist, das geht natürlich nicht.

Heinz: Bei uns wird’s für die Schiedsrichter nach wie vor etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen geben, das gebietet schon die Höflichkeit. Wir wollen gute Gastgeber sein, und das hat nichts mit Beeinflussung zu tun. Außerdem geschieht das ja nach dem Spiel. Ich denke, da werden sich alle Vereine ähnlich verhalten. Es gibt auch einen großen Unterschied: In höheren Klassen geht’s um richtig viel Geld. Unser Spielbetrieb kostet zwar auch Geld, aber da kann so oder so keiner reich werden. Es geht in erster Linie um die sportliche Leistung.

Kubach: Nein, diese Vergünstigung haben wir den Schiedsrichtern bisher gewährt und werden es auch weiter tun. Ich denke nicht, dass ein Schiedsrichter wegen eines Wurstweckens ein Spiel für die Heimmannschaft beeinflusst. Wir sagen es den Schiedsrichtern auch erst, wenn sie sich das Geld für den Spieleinsatz abholen, also nach dem Spiel.

Berger: Wir halten das schon immer so, dass wir nur die vorgeschriebenen Dinge den Schiedsrichtern zukommen lassen. Wenn Schiedsrichter in Schorndorf Hunger haben, müssen sie wie jeder andere auch etwas bei der Hallenbewirtung kaufen. Ich denke, auch hier gilt, sich an die Statuten zu halten und keine auch noch so kleine Abweichung zuzulassen.

Schweikardt: Bei Gesprächen mit Sponsoren, deren Verträge über die Saison hinaus gelten, merkt man schon, dass die Wirtschaftskrise ein Thema ist. Wenn es ihnen aber irgendwie möglich ist, wollen sie uns weiterhin unterstützen. Wenn es einem Unternehmen deutlich schlechter geht, ist das etwas anderes. Aber das ist in unserem Fall eher die Ausnahme. Anders sieht es aus, wenn wir uns um neue Sponsoren bemühen. Selbst wenn die Gespräche schon relativ weit und die Verträge kurz vor dem Abschluss waren, verhalten sich die Unternehmen doch jetzt relativ zurückhaltend.

Heinz: Wir haben beim VfL langjährige und treue Sponsoren, die auch in schweren Zeiten zu uns halten und nicht nur dem Erfolg hinterherhecheln. Darüber sind wir glücklich. Aber natürlich können wir die wirtschaftliche Situation nicht wegreden. Bei vielen Unternehmen geht es um die Existenz und um die Existenz der Mitarbeiter. Wir haben einen offenen Austausch mit unseren Sponsoren, und im Zweifelsfall gehen wir lieber einen Schritt zurück. Für gewisse Bereiche werden wir weniger ausgeben, auch wenn uns das weniger Schlagzeilen bringen wird. Auf keinen Fall leiden soll die Jugendarbeit. Wir nehmen unseren sozialen Auftrag sehr ernst – und zwar im weiblichen und männlichen Bereich.

Kubach: Wir haben sehr viele, kleinere Sponsoren, die uns bisher sehr treu unterstützt haben. Für die abgelaufene Saison kann ich keinen entsprechenden Trend feststellen. Für die neue Saison kann es sicherlich sein, dass der eine oder andere Sponsor abspringt. Dies wäre sicherlich sehr schade, da gerade wir in Schwaikheim sehr viel auch in die Jugendarbeit investieren. Ich kann jedoch die Unternehmen verstehen, die ihre Sponsoringaktivitäten auch gegenüber den Mitarbeitern rechtfertigen müssen. Ich bin optimistisch, dass wir unsere bisherigen Sponsoren halten können.

Berger: Die Wirtschaftskrise ist in den Sponsorengesprächen natürlich deutlich zu spüren. Die Wirtschafts- und Finanzkrise wird deutliche finanzielle Einschnitte bei den Handballvereinen hinterlassen.

Schweikardt: Ich denke, dass der Handball wieder seinen alten Status zurückbekommen wird. Es wird ähnlich sein wie beim Bestechungsskandal im Fußball. Allerdings muss alles rigoros aufgedeckt werden. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Es darf nicht so sein wie im Radsport, wo die Dopingmaßnahmen nicht gegriffen haben.

Heinz: Sicherlich sind die Leute verunsichert. Keiner darf sagen, im Handball kann es so etwas nicht geben. Schließlich sind wir über Jahre hinweg in vielen anderen Bereichen veräppelt worden. Es liegt jetzt an den Vereinen, den Zuschauern durch ihr Verhalten und ihre Aktivitäten zu beweisen, dass sie sauberen Sport anbieten. Ich denke, das Aushängeschild eines Vereins ist nicht nur der Tabellenplatz oder in welcher Liga er spielt. Ob ein Verein solide und gut geführt ist, erkennt man meiner Meinung nach auch maßgeblich an der Jugendarbeit. An der Entwicklung von jungen Spielern und Spielerinnen kann man sehen, wie ernst ein Verein seine Sportart nimmt. Ich kann jedenfalls mit Vereinen nichts anfangen, die ausschließlich aktive Mannschaften haben.

Kubach: Ich denke, der Imageschaden ist enorm. Nur eine lückenlose Aufklärung und eine harte Bestrafung ohne Ansehen der Person oder des Vereines kann das Vertrauen wieder zurückbringen. Vor allem die Internationale Handballföderation ist hier gefordert. Doch so lange dort selbstverliebte und selbstherrliche Funktionäre auf ihrem Sessel festkleben, habe ich Bedenken, dass alles auf den Tisch kommt. Handball ist eine so tolle Sportart und es ist schade, dass nur noch der Profit und persönliche Eitelkeiten im Vordergrund stehen.

Berger: Das ist Aufgabe der nationalen und internationalen Verbände, die Manipulationen konsequent verfolgen und Systeme entwickeln müssen, damit dies in Zukunft nicht mehr vorkommt. Allerdings bin ich mir sicher, dass der Handballsport in den nationalen Ligen, in denen es noch nicht um das große Geld geht, seriös ist und schon immer war.